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Full text of "Das Ich und das Es"

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SIGM. FREUD 
Das Ich und das Es 




INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 






Das Ich und das Es 



von 



Sigm. Freud 



1. — 8. Tausend 







1925 
Internationaler Psychoanalytischer Verlag 

Leipzig Wien Zürich 






Alle Rechte, insbesondere die der Übersetzung in alle Sprachen, 

vorbehalten 

Copyright 1923 
by »Internationaler Psychoanalytischer Verlag, Ges. m. b. H., Wien« 



Gedruckt bei K. Liebel, Wien 






» 

INHALTSVERZEICHNIS 

Seite 

Einleitung 7 

I. Bewußtsein und Unbewußtes g 

II. Das Ich und das Es 18 

III. Das Ich und das Über-Ich (Ich-Ideal) 31 

IV. Die beiden Triebarten 48 

V. Die Abhängigkeiten des Ichs 60 



V 



Nachstehende Erörterungen setzen Gedankengänge 
fort, die in meiner Schrift „Jenseits des Lustprinzips' 
1920 begonnen wurden, denen ich persönlich, wie dort 
erwähnt ist, mit einer gewissen wohlwollenden Neu- 
gierde gegenüber stand. Sie nehmen diese Gedanken 
auf, verknüpfen sie mit verschiedenen Tatsachen der 
analytischen Beobachtung, suchen aus dieser Vereinigung 
neue Schlüsse abzuleiten, machen aber keine neuen An- 
leihen bei der Biologie und stehen darum der Psycho- 
analyse näher als das „Jenseits". Sie tragen eher den 
Charakter einer Synthese als einer Spekulation und 
scheinen sich ein hohes Ziel gesetzt zu haben. Ich 
weiß aber, daß sie beim Gröbsten Halt machen, und 
bin mit dieser Beschränkung recht einverstanden. 

Dabei rühren sie an Dinge, die bisher noch nicht 
Gegenstand der psychoanalytischen Bearbeitung gewesen 
sind, und können es nicht vermeiden, manche Theorien 
zu streifen, die von Nicht-Analytikern oder ehemaligen 
Analytikern auf ihrem Rückzug von der Analyse auf- 
gestellt wurden. Ich bin sonst immer bereit gewesen, 
meine Verbindlichkeiten gegen andere Arbeiter anzu- 
erkennen, fühle mich aber in diesem Falle durch keine 



8 Das Ich und das Es 

solche Dankesschuld belastet. Wenn die Psychoanalyse 
gewisse Dinge bisher nicht gewürdigt hat, so geschah 
es nie darum, weil sie deren Leistung übersehen hatte 
oder deren Bedeutung verleugnen wollte, sondern weil 
sie einen bestimmten Weg verfolgt, der noch nicht so 
weit geführt hatte. Und endlich, wenn sie dahin ge- 
kommen ist, erscheinen ihr auch die Dinge anders als 
den anderen. 






I 

BEWUSSTSEIN UND UNBEWUSSTES • 

In diesem einleitenden Abschnitt ist nichts Neues 
zu sagen und die Wiederholung von früher oft Gesagtem 
nicht zu vermeiden. 

Die Unterscheidung des Psychischen in Bewußtes 
und Unbewußtes ist die Grundvoraussetzung der Psycho- 
analyse und gibt ihr allein die Möglichkeit, die ebenso 
häufigen als wichtigen pathologischen Vorgänge im 
Seelenleben zu verstehen, der Wissenschaft einzuordnen. 
Nochmals und anders gesagt: die Psychoanalyse kann 
das Wesen des Psychischen nicht ins Bewußtsein ver- 
legen, sondern muß das Bewußtsein als eine Qualität 
des Psychischen ansehen, die zu anderen Qualitäten 
hinzukommen oder wegbleiben mag. 

Wenn ich mir vorstellen könnte, daß alle an der 
Psychologie Interessierten diese Schrift lesen werden, 
so wäre ich auch darauf vorbereitet, daß schon an 
dieser Stelle ein Teil der Leser Halt macht und nicht 
weiter mitgeht, denn hier ist das erste Schibboleth 
der Psychoanalyse. Den meisten philosophisch Gebil- 






10 Das Ich und das Es 

deten ist die Idee eines Psychischen, das nicht auch 
bewußt ist, so unfaßbar, daß sie ihnen absurd und durch 
bloße Logik abweisbar erscheint. Ich glaube, dies kommt 
nur daher, daß sie die betreffenden Phänomene der 
Hypnose und des Traumes, welche — vom Patho- 
logischen ganz abgesehen — zu solcher Auffassung 
zwingen, nie studiert haben. Ihre Bewußtseinspsycho- 
logie ist aber auch unfähig, die Probleme des Traumes 
und der Hypnose zu lösen. 

Bewußt sein ist zunächst ein rein deskriptiver Ter- 
minus, der sich auf die unmittelbarste und sicherste 
Wahrnehmung beruft. Die Erfahrung zeigt uns dann, 
daß ein psychisches Element, z. B. eine Vorstellung 
gewöhnlich nicht dauernd bewußt ist. Es ist vielmehr 
charakteristisch, daß der Zustand des Bewußtseins rasch 
vorübergeht; die jetzt bewußte Vorstellung ist es im 
nächsten Moment nicht mehr, allein sie kann es unter 
gewissen leicht hergestellten Bedingungen wieder werden. 
Inzwischen war sie, wir wissen nicht was; wir können 
sagen, sie sei latent gewesen, und meinen dabei, daß 
sie jederzeit bewußtseinsfähig war. Auch wenn wir 
sagen, sie sei unbewußt gewesen, haben wir eine k 
korrekte Beschreibung gegeben. Dieses Unbewußt fällt 
dann mit latent-bewußtseinsfähig zusammen. Die Philo- 
sophen würden uns zwar einwerfen : Nein, der Terminus 
unbewußt hat hier keine Anwendung, solange die Vor- 
stellung im Zustand der Latenz war, war sie überhaupt 
nichts Psychisches. Würden wir ihnen schon an dieser 



/. Bewußtsein und Unbewußtes 1 1 

Stelle widersprechen, so gerieten wir in einen Wort- 
streit, aus dem sich nichts gewinnen ließe. 

Wir sind aber zum Terminus oder Begriff des Un- 
bewußten auf einem anderen Weg gekommen, durch 
Verarbeitung von Erfahrungen, in denen die seelische 
Dynamik eine Rolle spielt. Wir haben erfahren, d. h. 
annehmen müssen, daß es sehr starke seelische Vor- 
gänge oder Vorstellungen gibt, — hier kommt zuerst ein 
quantitatives, also ökonomisches Moment in Betracht — 
die alle Folgen für das Seelenleben haben können wie 
sonstige Vorstellungen, auch solche Folgen, die wiederum 
als Vorstellungen, bewußt werden können, nur werden 
sie selbst nicht bewußt. Es ist nicht nötig, hier aus- 
führlich zu wiederholen, was schon so oft dargestellt 
worden ist. Genug, an dieser Stelle setzt die psycho- 
analytische Theorie ein und behauptet, daß solche Vor- 
stellungen nicht bewußt sein können, weil eine gewisse 
Kraft sich dem widersetzt, daß sie sonst bewußt werden 
könnten und daß man dann sehen würde, wie wenig sie sich 
von anderen anerkannten psychischen Elementen unter- 
scheiden. Diese Theorie wird dadurch unwiderleglich, 
daß sich in der psychoanalytischen Technik Mittel ge- 
funden haben, mit deren Hilfe man die widerstrebende 
Kraft aufheben und die betreffenden Vorstellungen be- 
wußt machen kann. Den Zustand, in dem diese sich 
vor der Bewußtmachung befanden, heißen wir Ver- 
drängung, und die Kraft, welche die Verdrängung 
herbeigeführt und aufrecht gehalten hat, behaupten 









12 Das Ich und das Es 






wir während der analytischen Arbeit als Widerstand 
zu verspüren. 

Unseren Begriff des Unbewußten gewinnen wir also 
aus der Lehre von der Verdrängung. Das Verdrängte 
ist uns das Vorbild des Unbewußten. Wir sehen aber, 
daß wir zweierlei Unbewußtes haben, das latente, doch 
bewußtseinsfähige und das Verdrängte, an sich und ohne 
weiteres nicht bewußtseinsfähige. Unser Einblick in 
die psychische Dynamik kann nicht ohne Einfluß auf 
Nomenklatur und Beschreibung bleiben. Wir heißen 
das Latente, das nur deskriptiv unbewußt ist, nicht im 
dynamischen Sinne, vorbewußt; den Namen un- 
bewußt beschränken wir auf das dynamisch unbewußte 
Verdrängte, so daß wir jetzt drei Termini haben, be- 
wußt (bw), vorbewußt (vbw) und unbewußt (ubw), 
deren Sinn nicht mehr rein deskriptiv ist. Das Vbw, 
nehmen wir an, steht dem Bw viel näher als das Ubw 
und da wir das Ubw psychisch geheißen haben, werden 
wir es beim latenten Vbw umso unbedenklicher tun. 
Warum wollen wir aber nicht lieber im Einvernehmen 
mit den Philosophen bleiben und das Vbw wie das 
Ubw konsequenter Weise vom bewußten Psychischen 
trennen ? Die Philosophen würden uns dann vorschlagen, 
das Vbw wie das Ubw als zwei Arten oder Stufen 
des Psychoiden zu beschreiben, und die Einigkeit 
wäre hergestellt. Aber unendliche Schwierigkeiten in 
der Darstellung wären die Folge davon und die einzig • 
wichtige Tatsache, daß diese Psychoide fast in allen 









"/. Bewußtsein und Unbewußtes 13 

anderen Punkten mit dem anerkannt Psychischen über- 
einstimmen, wäre zu Gunsten eines Vorurteils in den 
Hintergrund gedrängt, eines Vorurteils, das aus der Zeit 
stammt, da man diese Psychoide oder das Bedeut- 
samste von ihnen noch nicht kannte. 

Nun können wir mit unseren drei Terminis, bw, 
vbw und ubw, bequem wirtschaften, wenn wir nur nicht 
vergessen, daß es im deskriptiven Sinne zweierlei 
Unbewußtes gibt, im dynamischen aber nur eines. Für 
manche Zwecke der Darstellung kann man diese Unter- 
scheidung vernachlässigen, für andere ist sie natürlich 
unentbehrlich. Wir haben uns immerhin an diese Zwei- 
deutigkeit des Unbewußten ziemlich gewöhnt und sind 
gut mit ihr ausgekommen. Vermeiden läßt sie sich, 
soweit ich sehen kann, nicht; die Unterscheidung zwischen 
Bewußtem und Unbewußtem ist schließlich eine Frage 
der Wahrnehmung, die mit Ja oder Nein zu beantworten 
ist, und der Akt der Wahrnehmung selbst gibt keine 
Auskunft darüber, aus welchem Grund etwas wahr- 
genommen wird oder nicht wahrgenommen wird. Man 
darf sich nicht darüber beklagen, daß das Dynamische in 
der Erscheinung nur einen zweideutigen Ausdruck findet. 1 

1) Soweit vgl. : Bemerkungen über den Begriff des Unbewußten. 
Sammlung kleiner Schriften zur Neurosenlehre, 4. Folge. — 
Eine neuerliche Wendung in der Kritik des Unbewußten verdient 
an dieser Stelle gewürdigt zu werden. Manche Forscher, die sich 
der Anerkennung der psychoanalytischen Tatsachen nicht ver- 
schließen, das Unbewußte aber nicht annehmen wollen, schaffen 
sich eine Auskunft mit Hilfe der unbestrittenen Tatsache, daß auch 



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14 



Das Ich und das Es 



Im weiteren Verlauf der psychoanalytischen Arbeit 
stellt sich aber heraus, daß auch diese Unterscheidungen 
unzulänglich, praktisch insuffizient sind. Unter den Situa- 
tionen, die das zeigen, sei folgende als die entscheidende 
hervorgehoben. Wir haben uns die Vorstellung von 
einer zusammenhängenden Organisation der seelischen 
Vorgänge in einer Person gebildet und heißen diese 
das Ich derselben. An diesem Ich hängt das Bewußt- 
sein, es beherrscht die Zugänge zur Motilität, d. i. : 
zur Abfuhr der Erregungen in die Außenwelt; es ist 
diejenige seelische Instanz, welche eine Kontrolle über 

das Bewußtsein — als Phänomen — eine große Reihe von Ab- 
stufungen der Intensität oder Deutlichkeit erkennen läßt So wie 
es Vorgänge gibt, die sehr lebhaft, grell, greifbar bewußt sind, so 
erleben wir auch andere, die nur schwach, kaum eben merklich 
bewußt sind, und die am schwächsten bewußten seien eben die, 
für welche die Psychoanalyse das unpassende Wort unbewußt ge- 
brauchen wolle. Sie seien aber doch auch bewußt oder „im Bewußt- 
sein" und lassen sich voll und stark bewußt machen, wenn man 
ihnen genug Aufmerksamkeit schenkte. 

Soweit die Entscheidung in einer solchen entweder von der 
Konvention oder von Gefühlsmomenten abhängigen Frage durch 
Argumente beeinflußt werden kann, läßt sich hiezu folgendes be- 
merken: Der Hinweis auf eine Deutlichkeitsskala der Bewußtheit 
hat nichts Verbindliches und nicht mehr Beweiskraft als etwa die 
analogen Sätze: es gibt so viel Abstufungen der Beleuchtung 
vom grellsten, blendenden Licht bis zum matten Lichtschimmer, 
folglich gibt es überhaupt keine Dunkelheit. Oder: es gibt ver- 
schiedene Grade von Vitalität, folglich gibt es keinen Tod. Diese 
Sätze mögen ja in einer gewissen Weise sinnreich sein, aber sie 
sind praktisch verwerflich, wie sich herausstellt, wenn man be- 
stimmte Folgerungen von ihnen ableiten will, z. B.: also braucht 



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/. Bewußtsein und Unbewußtes 15 



all ihre Partialvorgänge ausübt, welche zur Nachtzeit 
schlafen geht und dann immer noch die Traumzensur 
handhabt. Von diesem Ich gehen auch die Verdrän- 
gungen aus, durch welche gewisse seelische Strebungen 
nicht nur vom Bewußtsein, sondern auch von den anderen 
Arten der Geltung und Betätigung ausgeschlossen werden 
sollen. Dies durch die Verdrängung Beseitigte stellt sich 
in der Analyse dem Ich gegenüber, und es wird der 
Analyse die Aufgabe gestellt, die Widerstände aufzu- 
heben, die das Ich gegen die Beschäftigung mit dem 
Verdrängten äußert. Nun machen wir während der 
Analyse die Beobachtung, daß der Kranke in Schwierig- 



man kein Licht anzustecken, oder: also sind alle Organismen un- 
sterblich. Ferner erreicht man durch die Subsumierung des Un- 
merklichen unter das Bewußte nichts anderes, als daß man sich 
die einzige unmittelbare Sicherheit verdirbt, die es im Psychischen 
überhaupt gibt. Ein Bewußtsein, von dem man nichts weiß, scheint 
mir doch um vieles absurder als ein unbewußtes Seelisches. Endlich 
ist solche Angleichung des Unbemerkten an das Unbewußte offen- 
bar ohne Rücksicht auf die dynamischen Verhältnisse versucht 
worden, welche für die psychoanalytische Auffassung maßgebend 
waren. Denn zwei Tatsachen werden dabei vernachlässigt ; erstens, 
daß es sehr schwierig ist, großer Anstrengung bedarf, um einem 
solchen Unbemerkten genug Aufmerksamkeit zuzuführen, und 
zweitens, daß, wenn dies gelungen ist, das vordem Unbemerkte 
jetzt nicht vom Bewußtsein erkannt wird, sondern oft genug ihm 
völlig fremd, gegensätzlich erscheint und von ihm schroff abgelehnt 
wird. Der Rekurs vom Unbewußten auf das wenig Bemerkte und 
nicht Bemerkte ist also doch nur ein Abkömmling des Vorurteils, 
dem die Identität des Psychischen mit dem Bewußten ein für alle 
Mal feststeht. 



— — 






i6 Das Ich und das Es 

keiten gerät, wenn wir ihm gewisse Aufgaben stellen; 
seine Assoziationen versagen, wenn sie sich dem Ver- 
drängten annähern sollen. Wir sagen ihm dann, er 
stehe unter der Herrschaft eines Widerstandes, aber 
er weiß nichts davon und selbst, wenn er aus seinen 
Unlustgefühlen erraten sollte, daß jetzt ein Widerstand 
in ihm wirkt, so weiß er ihn nicht zu benennen und 
anzugeben. Da aber dieser Widerstand sicherlich von 
seinem Ich ausgeht und diesem angehört, so stehen 
wir vor einer unvorhergesehenen Situation. Wir haben 
im Ich selbst etwas gefunden, was auch unbewußt ist, 
sich gerade so benimmt wie das Verdrängte, d. h. starke 
Wirkungen äußert, ohne selbst bewußt zu werden, und 
zu dessen Bewußtmachung es einer besonderen Arbeit 
bedarf. Die Folge dieser Erfahrung für die analytische 
Praxis ist, daß wir in unendlich viele Undeutlichkeiten 
und Schwierigkeiten geraten, wenn wir an unserer ge- 
wohnten Ausdrucksweise festhalten und z.B. die Neurose 
auf einen Konflikt zwischen dem Bewußten und dem 
Unbewußten zurückführen wollen. Wir müssen für 
diesen Gegensatz aus unserer Einsicht in die struk- 
turellen Verhältnisse des Seelenlebens einen anderen 
einsetzen, den zwischen dem zusammenhängenden Ich 
und dem von ihm abgespaltenen Verdrängten. 1 

Die Folgen für unsere Auffassung des Unbewußten 
sind aber noch bedeutsamer. Die dynamische Betrachtung 
hatte uns die erste Korrektur gebracht, die strukturelle 

x ) Vgl. Jenseits des Lustprinzips. 






/. Bewußtsein und Unbewußtes ij 

Einsicht bringt uns die zweite. Wir erkennen, daß das 
Ubw nicht mit dem Verdrängten zusammenfällt; es bleibt 
richtig, daß alles Verdrängte ubw ist, aber nicht alles 
Ubw ist auch verdrängt. Auch ein Teil des Ichs, ein 
Gott weiß wie wichtiger Teil des Ichs kann ubw sein, 
ist sicherlich ubw. Und dies Ubw des Ichs ist nicht 
latent im Sinne des Fbw, sonst dürfte es nicht aktiviert 
werden, ohne bw zu werden, und seine Bewußtmachung 
dürfte nicht so große Schwierigkeiten bereiten. Wenn 
wir uns so vor der Nötigung sehen, ein drittes, nicht 
verdrängtes Ubw aufzustellen, so müssen wir zugestehen, 
daß der Charakter des Unbewußtseins für uns an Be- 
deutung verliert. Er wird zu einer vieldeutigen Qualität, 
die nicht die weitgehenden und ausschließenden Fol- 
gerungen gestattet, für welche wir ihn gerne verwertet 
hätten. Doch müssen wir uns hüten, ihn zu vernach- 
lässigen, denn schließlich ist die Eigenschaft bewußt 
oder nicht die einzige Leuchte im Dunkel der Tiefen- 
psychologie. 



Freud: Das Ich und das Es 



a 



II 



DAS ICH UND DAS ES 



Die pathologische Forschung hat unser Interesse 
allzu ausschließlich auf das Verdrängte gerichtet. Wir 
möchten mehr vom Ich erfahren, seitdem wir wissen, 
daß auch das Ich unbewußt im eigentlichen Sinne sein 
kann. Unser einziger Anhalt während unserer Unter- 
suchungen war bisher das Kennzeichen des Bewußt- 
oder Unbewußtseins; zuletzt haben wir gesehen, wie 
vieldeutig es sein kann. 

Nun ist all unser Wissen immer an das Bewußtsein 
gebunden. Auch das Ubw können wir nur dadurch 
kennen lernen, daß wir es bewußt machen. Aber halt, 
wie ist das möglich ? Was heißt : etwas bewußt machen ? 
Wie kann das vor sich gehen? 

Wir wissen schon, wo wir hiefür anzuknüpfen haben. 
Wir haben gesagt, das Bewußtsein ist die Oberfläche 
des seelischen Apparats, d. h. wir haben es einem 
System als Funktion zugeschrieben, welches räumlich 
das erste von der Außenwelt her ist. Räumlich übrigens 
nicht nur im Sinne der Funktion, sondern diesmal auch 









IL Das Lch und das Es 19 

im Sinne der anatomischen Zergliederung. 1 Auch unser 
Forschen muß diese wahrnehmende Oberfläche zum 
Ausgang nehmen. 

Von vornherein bw sind alle Wahrnehmungen, die 
von außen herankommen (Sinnes Wahrnehmungen), und 
von innen her, was wir Empfindungen und Gefühle 
heißen. Wie aber ist es mit jenen inneren Vorgängen, 
die wir etwa — roh und ungenau — als Denkvorgänge 
zusammenfassen können ? Kommen sie, die sich irgendwo 
im Innern des Apparats als Verschiebungen seelischer 
Energie auf dem Wege zur Handlung vollziehen, an 
die Oberfläche, die das Bewußtsein entstehen läßt, 
heran? Oder kommt das Bewußtsein zu ihnen? Wir 
merken, das ist eine von den Schwierigkeiten, die sich 
ergeben, wenn man mit der räumlichen, topischen, Vor- 
stellung des seelischen Geschehens Ernst machen will. 
Beide Möglichkeiten sind gleich unausdenkbar, es müßte 
etwas drittes der Fall sein. 

An einer anderen Stelle 3 habe ich schon die An- 
nahme gemacht, daß der wirkliche Unterschied einer 
ubw von einer vbw Vorstellung (einem Gedanken) darin 
besteht, daß die erstere sich an irgendwelchem Mate- 
rial, das unerkannt bleibt, vollzieht, während bei der 
letzteren (der vbw) die Verbindung mit Wortvorstel- 

1) S. Jenseits des Lustprinzips. 

2) Das Unbewußte. Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse, 
III. 191 5 (auch: Sammlung kleiner Schritten zur Neurosenlehre, 
4. Folge. 191 8.) 



20 



Das Ich und das Es 




hingen hinzukommt. Hier ist zuerst der Versuch 
gemacht, für die beiden Systeme Vbw und Ubw Kenn- 
zeichen anzugeben, die anders sind als die Beziehung 
zum Bewußtsein. Die Frage: Wie wird etwas bewußt? 
lautet also zweckmäßiger : Wie wird etwas vorbewußt ? 
Und die Antwort wäre: durch Verbindung mit den 
entsprechenden Wortvorstellungen. 

Diese Wortvorstellungen sind Erinnerungsreste, sie 
waren einmal Wahrnehmungen und können wie alle 
Erinnerungsreste wieder bewußt werden. Ehe wir noch 
weiter von ihrer Natur handeln, dämmert uns wie eine 
neue Einsicht auf: bewußt werden kann nur das, was 
schon einmal bw Wahrnehmung war, und was außer 
Gefühlen von innen her bewußt werden will, muß 
versuchen sich in äußere Wahrnehmungen umzusetzen. 
Dies wird mittels der Erinnerungsspuren möglich. 

Die Erinnerungsreste denken wir uns in Systemen 
enthalten, welche unmittelbar an das System W-Bw 
anstoßen, so daß ihre Besetzungen sich leicht auf die 
Elemente dieses Systems von innen her fortsetzen können. 
Man denkt hier sofort an die Halluzination und an die 
Tatsache, daß die lebhafteste Erinnerung immer noch 
von der Halluzination wie von der äußeren Wahrnehmung 
unterschieden wird, allein ebenso rasch stellt sich die Aus- 
kunft ein, daß bei der Wiederbelebung einer Erinnerung 
die Besetzung im Erinnerungssystem erhalten bleibt, 
während die von der Wahrnehmung nicht unterscheid- 
bare Halluzination entstehen mag, wenn die Besetzung 






IL Das Ich und das Es 21 

nicht nur von der Erinnerungsspur auf das /^-Element 
übergreift, sondern völlig auf dasselbe übergeht. 

Die Wortreste stammen wesentlich von akustischen 
Wahrnehmungen ab, so daß hiedurch gleichsam ein 
besonderer Sinnesursprung für das System Vbw gegeben 
ist. Die visuellen Bestandteile der Wortvorstellung kann 
man als sekundär, durch Lesen erworben, zunächst 
vernachlässigen und ebenso die Bewegungsbilder des 
Wortes, die außer bei Taubstummen die Rolle von 
unterstützenden Zeichen spielen. Das Wort ist doch 
eigentlich der Erinnerungsrest des gehörten Wortes. 

Es darf uns nicht beifallen, etwa der Vereinfachung 
zuliebe, die Bedeutung der optischen Erinnerungs- 
reste — von den Dingen — zu vergessen, oder zu ver- 
leugnen, daß ein Bewußtwerden der Denkvorgänge 
durch Rückkehr zu den visuellen Resten möglich ist 
und bei vielen Personen bevorzugt scheint. Von der 
Eigenart dieses visuellen Denkens kann uns das Studium 
der Träume und der vorbewußten Phantasien nach den 
Beobachtungen). Varendoncks eine Vorstellung geben. 
Man erfährt, daß dabei meist nur das konkrete Material 
des Gedankens bewußt wird, für die Relationen aber, die 
den Gedanken besonders kennzeichnen, ein visueller Aus- 
druck nicht gegeben werden kann. Das Denken in Bildern 
ist also ein nur sehr unvollkommenes Bewußt wer den. 

Es steht auch irgendwie den unbewußten Vorgängen 
näher als das Denken in Worten und ist unzweifelhaft 
onto- wie phylogenetisch älter als dieses. 



22 



Das Ich und das Es 



Wenn also, um zu unserem Argument zurückzukehren, 
dies der Weg ist, wie etwas an sich Unbewußtes vor- 
bewußt wird, so ist die Frage, wie machen wir etwas 
Verdrängtes (vor)bewußt, zu beantworten: indem wir 
solche vbw Mittelglieder durch die analytische Arbeit 
herstellen. Das Bewußtsein verbleibt also an seiner 
Stelle, aber auch das Ubw ist nicht etwa zum Bw auf- 
gestiegen. 

Während die Beziehung der äußeren Wahrnehmung 
zum Ich ganz offenkundig ist, fordert die der inneren 
Wahrnehmung zum Ich eine besondere Untersuchung 
heraus. Sie läßt noch einmal den Zweifel auftauchen, 
ob man wirklich Recht daran tut, alles Bewußtsein 
auf das eine oberflächliche System W-Bw zu beziehen. 

Die innere Wahrnehmung ergibt Empfindungen von 
Vorgängen aus den verschiedensten, gewiß auch tiefsten 
Schichten des seelischen Apparats. Sie sind schlecht 
gekannt, als ihr bestes Muster können noch die der 
Lust -Unlustreihe gelten. Sie sind ursprünglicher, 
elementarer, als die von außen stammenden, können 
noch in Zuständen getrübten Bewußtseins zu Stande 
kommen. Über ihre größere ökonomische Bedeutung 
und deren metapsychologische Begründung habe ich 
mich an anderer Stelle geäußert. Diese Empfindungen 
sind multilokular wie die äußeren Wahrnehmungen, 
können gleichzeitig von verschiedenen Stellen kommen 
und dabei verschiedene, auch entgegengesetzte Quali- 
täten haben. 



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IL Das Ich und das Es 23 



Die Empfindungen mit Lustcharakter haben nichts 
Drängendes an sich, dagegen im höchsten Grad die 
Unlustempfindungen. Diese drängen auf Veränderung, 
auf Abfuhr und darum deuten wir die Unlust auf eine 
Erhöhung, die Lust auf eine Erniedrigung der Energie- 
besetzung. Nennen wir das, was als Lust und Unlust 
bewußt wird, ein quantitativ- qualitativ Anderes im 
seelischen Ablauf, so ist die Frage, ob ein solches 
Anderes an Ort und Stelle bewußt werden kann, oder 
bis zum System W fortgeleitet werden muß. 

Die klinische Erfahrung entscheidet für das Letztere. 
Sie zeigt, daß dies Andere sich verhält wie eine ver- 
drängte Regung. Es kann treibende Kräfte entfalten, 
ohne daß das Ich den Zwang bemerkt. Erst Wider- 
stand gegen den Zwang, Aufhalten der Abfuhrreaktion 
macht dieses Andere sofort als Unlust bewußt. Eben- 
so wie Bedürfnisspannungen kann auch der Schmerz 
unbewußt bleiben, dies Mittelding zwischen äußerer 
und innerer Wahrnehmung, der sich wie eine innere 
Wahrnehmung verhält, auch wo er aus der Außenwelt 
stammt. Es bleibt also richtig, daß auch Empfindungen 
und Gefühle nur durch Anlangen an das System W 
bewußt werden; ist die Fortleitung gesperrt, so kommen 
sie nicht als Empfindungen zu Stande, obwohl das ihnen 
entsprechende Andere im Erregungsablauf dasselbe ist. 
Abgekürzter, nicht ganz korrekter Weise sprechen wir 
dann von unbewußten Empfindungen, halten die 
Analogie mit unbewußten Vorstellungen fest, die nicht 






24 Das Ich und das Es 



ganz gerechtfertigt ist. Der Unterschied ist nämlich, 
daß für die ubw Vorstellung erst Verbindungsglieder 
geschaffen werden müssen, um sie zum Bw zu bringen, 
während dies für die Empfindungen, die sich direkt 
fortleiten, entfällt. Mit anderen Worten: die Unter- 
scheidung von Bw und Vbw hat für die Empfindungen 
keinen Sinn, das Vbw fällt hier aus, Empfindungen sind 
entweder bewußt oder unbewußt. Auch wenn sie an 
Wortvorstellungen gebunden werden, danken sie nicht 
diesen ihr Bewußtwerden, sondern sie werden es direkt. 

Die Rolle der Wortvorstellungen wird nun vollends 
klar. Durch ihre Vermittlung werden die inneren Denk- 
vorgänge zu Wahrnehmungen gemacht. Es ist, als sollte 
der Satz erwiesen werden: alles Wissen stammt aus 
der äußeren Wahrnehmung. Bei einer Überbesetzung 
des Denkens werden die Gedanken wirklich — wie von 
außen — wahrgenommen und darum für wahr gehalten. 

Nach dieser Klärung der Beziehungen zwischen 
äußerer und innerer Wahrnehmung und dem Ober- 
flächensystem W-Bw können wir daran gehen, unsere 
Vorstellung vom Ich auszubauen. Wir sehen es vom 
System W als seinem Kern ausgehen und zunächst 
das Vbw, das sich an die Erinnerungsreste anlehnt, 
umfassen. Das Ich ist aber auch, wie wir erfahren 
haben, unbewußt. 

Nun meine ich, wir werden großen Vorteil davon 
haben, wenn wir der Anregung eines Autors folgen, 
der vergebens aus persönlichen Motiven beteuert, er 



IL Das Ich und das Es 25 



habe mit der gestrengen, hohen Wissenschaft nichts 
zu tun. Ich meine G. Groddeck, der immer wieder 
betont, daß das, was wir unser Ich heißen, sich im 
Leben wesentlich passiv verhält, daß wir nach seinem 
Ausdruck „gelebt" werden von unbekannten unbe- 
herrschbaren Mächten. 1 Wir haben alle dieselben Ein- 
drücke empfangen, wenngleich sie uns nicht bis zum 
Ausschluß aller anderen überwältigt haben, und ver- 
zagen nicht daran, der Einsicht Groddecks ihre Stelle 
in dem Gefüge der Wissenschaft anzuweisen. Ich schlage 
vor ihr Rechnung zu tragen, indem wir das vom 
System W ausgehende Wesen, das zunächst vbw ist, 
das Ich heißen, das andere Psychische aber, in welches 
es sich fortsetzt, und das sich wie ubw verhält, nach 
Groddecks Gebrauch das Es. a 

Wir werden bald sehen, ob wir aus dieser Auf- 
fassung Nutzen für Beschreibung und Verständnis ziehen 
können. Ein Individuum ist nun für uns ein psychisches 
Es, unerkannt und unbewußt, diesem sitzt das Ich ober- 
flächlich auf, aus dem /^"-System als Kern entwickelt. 
Streben wir nach graphischer Darstellung, so werden 
wir hinzufügen, das Ich umhüllt das Es nicht ganz, 

1) G. Groddeck, Das Buch vom Es. Internationaler Psycho- 
analytischer Verlag- 1923. 

2) Groddeck selbst ist wohl dem Beispiel Nietzsches ge- 
folgt, bei dem dieser grammatikalische Ausdruck für das Un- 
persönliche und sozusagen Naturnotwendige in unserem Wesen 
durchaus gebräuchlich ist 






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26 



Das Ich und das Es 



sondern nur insoweit das System W dessen Ober- 
fläche bildet, also etwa so wie die Keimscheibe dem 
Ei aufsitzt. Das Ich ist vom Es nicht scharf getrennt, 
es fließt nach unten hin mit ihm zusammen. 

Aber auch das Verdrängte fließt mit dem Es zu- 
sammen, ist nur ein Teil von ihm. Das Verdrängte ist 
nur vom Ich durch die Verdrängungswiderstände scharf 
geschieden, durch das Es kann es mit ihm kommuni- 
zieren. Wir erkennen sofort, fast alle Sonderungen, die 
wir auf die Anregung der Pathologie hin beschrieben 
haben, beziehen sich nur auf die — uns allein be- 
kannten — oberflächlichen Schichten des seelischen 
Apparats. Wir könnten von diesen Verhältnissen eine 



W-Bm 




Zeichnung entwerfen, deren Konturen allerdings nur 
der Darstellung dienen, keine besondere Deutung 









■ ' 



77. Das Ich und das Es 27 

beanspruchen sollen. Etwa fügen wir hinzu, daß das Ich 
eine „Hörkappe" trägt, nach dem Zeugnis der Gehirn- 
anatomie nur auf einer Seite. Sie sitzt ihm sozusagen 
schief auf. 

Es ist leicht einzusehen, das Ich ist der durch den 
direkten Einfluß der Außenwelt unter Vermittlung von 
W-Bw veränderte Teil des Es, gewissermaßen eine 
Fortsetzung der Oberflächendifferenzierung. Es bemüht 
sich auch, den Einfluß der Außenwelt auf das Es und 
seine Absichten zur Geltung zu bringen, ist bestrebt, 
das Realitätsprinzip an die Stelle des Lustprinzips zu 
setzen, welches im Es uneingeschränkt regiert. Die 
Wahrnehmung spielt für das Ich die Rolle, welche im 
Es dem Trieb zufällt. Das Ich repräsentiert, was man 
Vernunft und Besonnenheit nennen kann, im Gegen- 
satz zum Es, welches die Leidenschaften enthält. Dies 
alles deckt sich mit allbekannten populären Unter- 
scheidungen, ist aber auch nur als durchschnittlich oder 
ideell richtig zu verstehen. 

Die funktionelle Wichtigkeit des Ichs kommt darin 
zum Ausdruck, daß ihm normaler Weise die Herrschaft 
über die Zugänge zur Motilität eingeräumt ist. Es gleicht 
so im Verhältnis zum Es dem Reiter, der die über- 
legene Kraft des Pferdes zügeln soll, mit dem Unter- 
schied, daß der Reiter dies mit eigenen Kräften ver- 
sucht, das Ich mit geborgten. Dieses Gleichnis trägt 
ein Stück weiter. Wie dem Reiter, will er sich nicht 
vom Pferd trennen, oft nichts anderes übrig bleibt, 



28 Das Ich und das Es 

als es dahin zu führen, wohin es gehen will, so pflegt 
auch das Ich den Willen des Es in Handlung umzu- 
setzen, als ob es der eigene wäre. 

Auf die Entstehung des Ichs und seine Ab- 
sonderung vom Es scheint noch ein anderes Moment 
als der Einfluß des Systems W hingewirkt zu haben. 
Der eigene Körper und vor allem die Oberfläche des- 
selben ist ein Ort, von dem gleichzeitig äußere und 
innere Wahrnehmungen ausgehen können. Er wird 
wie ein anderes Objekt gesehen, ergibt aber dem 
Getast zweierlei Empfindungen, von denen die eine 
einer inneren Wahrnehmung gleichkommen kann. Es 
ist in der Psychophysiologie hinreichend erörtert 
worden, auf welche Weise sich der eigene Körper 
aus der Wahrnehmungswelt heraushebt. Auch der 
Schmerz scheint dabei eine Rolle zu spielen und die 
Art, wie man bei schmerzhaften Erkrankungen eine 
neue Kenntnis seiner Organe erwirbt, ist vielleicht vor- 
bildlich für die Art, wie man überhaupt zur Vor- 
stellung seines eigenen Körpers kommt. 

Das Ich ist vor allem ein körperliches, es ist nicht 
nur ein Oberflächenwesen, sondern selbst die Projek- 
tion einer Oberfläche. Wenn man eine anatomische 
Analogie für dasselbe sucht, kann man es am ehesten 
mit dem „Gehirnmännchen" der Anatomen identi- 
fizieren, das in der Hirnrinde auf dem Kopf steht, 
die Fersen nach oben streckt, nach hinten schaut und 
wie bekannt, links die Sprachzone trägt. 



//. Das Ich und das Es 29 



Das Verhältnis des Ichs zum Bewußtsein ist wieder- 
holt gewürdigt worden, doch sind hier einige wichtige 
Tatsachen neu zu beschreiben. Gewöhnt, den Gesichts- 
punkt einer sozialen oder ethischen Wertung überall- 
hin mitzunehmen, sind wir nicht überrascht zu hören, 
daß das Treiben der niedrigen Leidenschaften im Un- 
bewußten vor sich geht, erwarten aber, daß die see- 
lischen Funktionen umso leichter sicheren Zugang 
zum Bewußtsein finden, je höher sie in dieser Wertung 
angesetzt sind. Hier enttäuscht uns aber die psycho- 
analytische Erfahrung. Wir haben einerseits Belege 
dafür, daß selbst feine und schwierige intellektuelle 
Arbeit, die sonst angestrengtes Nachdenken erfordert, 
auch vorbewußt geleistet werden kann, ohne zum Be- 
wußtsein zu kommen. Diese Fälle sind ganz unzweifel- 
haft, sie ereignen sich z. B. im Schlafzustand und 
äußern sich darin, daß eine Person unmittelbar nach 
dem Erwachen die Lösung eines schwierigen mathe- 
matischen oder anderen Problems weiß, um das sie 
sich am Tage vorher vergeblich bemüht hatte. 1 

Weit befremdender ist aber eine andere Erfahrung. 
Wir lernen in unseren Analysen, daß es Personen 
gibt, bei denen die Selbstkritik und das Gewissen, also 
überaus hochgewertete seelische Leistungen, unbewußt 
sind und als unbewußt die wichtigsten Wirkungen 

i) Ein solcher Fall ist mir erst kürzlich und zwar als Ein- 
wand gegen meine Beschreibung der „Traumarbeit" mitgeteilt 
worden. 



30 Das Ich und das Es 



äußern; das Unbewußtbleiben des Widerstandes in der 
Analyse ist also keineswegs die einzige Situation dieser 
Art. Die neue Erfahrung aber, die uns nötigt, trotz 
unserer besseren kritischen Einsicht, von einem unbe- 
wußten Schuldgefühl zu reden, verwirrt uns weit 
mehr und gibt uns neue Rätsel auf, besonders wenn 
wir allmählich erraten, daß ein solches unbewußtes 
Schuldgefühl bei einer großen Anzahl von Neurosen 
eine ökonomisch entscheidende Rolle spielt und der 
Heilung die stärksten Hindernisse in den Weg legt. 
Wollen wir zu unserer Wertskala zurückkehren, so 
müssen wir sagen: Nicht nur das Tiefste, auch das 
Höchste am Ich kann unbewußt sein. Es ist, als würde 
uns auf diese Weise demonstriert, was wir vorhin vom 
bewußten Ich ausgesagt haben, es sei vor allem ein 
Körper-Ich. 






Ws 



'-! 



III 

DAS ICH UND DAS ÜBER-ICH (ICH-IDEAL) 

Wäre das Ich nur der durch den Einfluß des 
Wahrnehmungssystems modifizierte Anteil des Es, der 
Vertreter der realen Außenwelt im Seelischen, so hätten 
wir es mit einem einfachen Sachverhalt zu tun. Allein 
es kommt etwas anderes hinzu. 

Die Motive, die uns bewogen haben, eine Stufe 
im Ich anzunehmen, eine Differenzierung innerhalb des 
Ichs, die Ich-Ideal oder Über-Ich zu nennen ist, 
sind an anderen Orten auseinandergesetzt worden.' Sie 
bestehen zu Recht.* Daß dieses Stück des Ichs eine 
weniger feste Beziehung zum Bewußtsein hat, ist die 
Neuheit, die nach Erklärung verlangt. 

i) Zur Einführung des Narzißmus, Massenpsychologie und Ich- 
Analyse. 

2) Nur daß ich die Funktion der Realitätsprüfung diesem 
Über-Ich zugewiesen habe, erscheint irrig und der Korrektur be- • 
dürftig. Es würde durchaus den Beziehungen des Ichs zur Wahr- 
nehmungswelt entsprechen, wenn die Realitätsprüfung seine eigene 
Aufgabe bliebe. — Auch frühere, ziemlich unbestimmt gehaltene 
Äußerungen über einen Kern des Ichs sollen jetzt dahin richtig 
gestellt werden, daß nur das System W-Bw als Kern des Ichs 
anzuerkennen ist. 



^2 Das Ich und das Es 



Wir müssen hier etwas weiter ausgreifen. Es war 
uns gelungen, das schmerzhafte Leiden der Melancholie 
durch die Annahme aufzuklären, daß ein verlorenes 
Objekt im Ich wieder aufgerichtet, also eine Objekt- 
besetzung durch eine Identifizierung abgelöst wird.' 
Damals erkannten wir aber noch nicht die ganze Be- 
deutung dieses Vorgangs und wußten nicht, wie häufig 
und typisch er ist. Wir haben seither verstanden, daß 
solche Ersetzung einen großen Anteil an der Gestaltung 
des Ichs hat und wesentlich dazu beiträgt, das her- 
zustellen, was man seinen Charakter heißt. 

Uranfänglich in der primitiven oralen Phase des Indivi- 
duums sind Objektbesetzung und Identifizierung wohl nicht 

von einander zu unterscheiden. Späterhin kann man nur 
annehmen, daß die Objektbesetzungen vom Es ausgehen, 
welches die erotischen Strebungen als Bedürfnisse em- 
pfindet. Das anfangs noch schwächlicheich erhält von den 
Objektbesetzungen Kenntnis, läßt sie sich gefallen oder 
sucht sie durch den Prozeß der Verdrängung abzuwehren. 2 

i) Trauer und Melancholie. 

2) Eine interessante Parallele zur Ersetzung der Objektwahl 
durch Identifizierung enthält der Glaube der Primitiven, daß die 
Eigenschaften des als Nahrung einverleibten Tieres dem, der es 
ißt, als Charakter verbleiben werden, und die darauf gegründeten 
Verbote. Dieser Glaube geht bekanntlich auch in die Begründung 
des Kannibalismus ein und wirkt in der Reihe der Gebräuche 
der Totemmahlzeit bis zur heiligen Kommunion fort. Die Folgen, 
die hier der oralen Objektbemächtigung zugeschrieben werden, 
treffen für die spätere sexuelle Objektwahl wirklich zu. 






III. Das Ich und das Über-Ich (Ich-Ideal) 33 

Soll oder muß ein solches Sexualobjekt aufgegeben 
werden, so tritt dafür nicht selten die Ich Veränderung 
auf, die man als Aufrichtung des Objekts im Ich wie 
bei der Melancholie beschreiben muß; die näheren Ver- 
hältnisse dieser Ersetzung sind uns noch nicht bekannt. 
Vielleicht erleichtert oder ermöglicht das Ich durch 
diese Introjektion, die eine Art von Regression zum 
Mechanismus der oralen Phase ist, das Aufgeben des 
Objekts. Vielleicht ist diese Identifizierung überhaupt 
die Bedingung, unter der das Es seine Objekte auf- 
gibt. Jedenfalls ist der Vorgang zumal in frühen Ent- 
wicklungsphasen ein sehr häufiger und kann die Auf- 
fassung ermöglichen, daß der Charakter des Ichs ein 
Niederschlag der aufgegebenen Objektbesetzungen ist, 
die Geschichte dieser Objektwahlen enthält. Es ist natür- 
lich von vorne herein eine Skala der Resistenzfähig- 
keit zuzugeben, inwieweit der Charakter einer Person 
diese Einflüsse aus der Geschichte der erotischen Ob- 
jektwahlen abwehrt oder annimmt. Bei Frauen, die viel 
Liebeserfahrungen gehabt haben, glaubt man, die Rück- 
stände ihrer Objektbesetzungen in ihren Charakter- 
zügen leicht nachweisen zu können. Auch eine Gleich- 
zeitigkeit von Objektbesetzung und Identifizierung, 
also eine Charakterveränderung, ehe das Objekt auf- 
gegeben worden ist, kommt in Betracht. In diesem 
Fall könnte die Charakter Veränderung die Objekt- 
beziehung überleben und sie in gewissem Sinne kon- 
servieren. 

Freud: Das Ich und das Es 3 



- -• . 



- 



24 Das Ich und das Es 



Ein anderer Gesichtspunkt besagt, daß diese Um- 
setzung einer erotischen Objektwahl in eine Ichver- 
änderung auch ein Weg ist, wie das Ich das Es be- 
meistern und seine Beziehungen zu ihm vertiefen kann, 
allerdings auf Kosten einer weitgehenden Gefügigkeit 
gegen dessen Erlebnisse. Wenn das Ich die Züge des 
Objekts annimmt, drängt es sich sozusagen selbst dem 
Es als Liebesobjekt auf, sucht ihm seinen Verlust zu 
ersetzen, indem es sagt: „Sieh', du kannst auch mich 
lieben, ich bin dem Objekt so ähnlich." 

Die Umsetzung von Objektlibido in narzißtische 
Libido, die hier vor sich geht, bringt offenbar ein Auf- 
geben der Sexualziele, eine Desexualisierung mit sich, 
also eine Art von Sublimierung. Ja, es entsteht die 
eingehender Behandlung würdige Frage, ob dies nicht 
der allgemeine Weg zur Sublimierung ist, ob nicht 
alle Sublimierung durch die Vermittlung des Ichs vor 
sich geht, welches zunächst die sexuelle Objektlibido in 
narzißtische verwandelt, um ihr dann vielleicht ein anderes 
Ziel zu setzen. 1 Ob diese Verwandlung nicht auch andere 
Triebschicksale zur Folge haben kann, z. B. eine Ent- 
mischung der verschiedenen mit einander verschmolzenen 
Triebe herbeizuführen, wird uns noch später beschäftigen. 

i) Als das große Reservoir der Libido, im Sinne der Ein- 
führung des Narzißmus, müssen wir jetzt nach der Scheidung von 
Ich und Es das Es anerkennen. Die Libido, welche dem Ich durch 
die beschriebenen Identifizierungen zufließt, stellt dessen „sekun- 
dären Narzißmus" her. 



III. Das Ich und das Über-Ich (Ich-Ideal) 35 

Es ist eine Abschweifung von unserem Ziel und 
doch nicht zu vermeiden, daß wir unsere Aufmerksam- 
keit für einen Moment bei den Objektidentifizierungen 
des Ichs verweilen lassen. Nehmen diese überhand, 
werden allzu zahlreich, und überstark und miteinander 
unverträglich, so liegt ein pathologisches Ergebnis nahe. 
Es kann zu einer Aufsplitterung des Ichs kommen, 
indem sich die einzelnen Identifizierungen durch Wider- 
stände gegeneinander abschließen, und vielleicht ist es 
das Geheimnis der Fälle von sogenannter multipler 
Persönlichkeit, daß die einzelnen Identifizierungen 
alternierend das Bewußtsein an sich reißen. Auch wenn 
es nicht so weit kommt, ergibt sich das Thema der 
Konflikte zwischen den verschiedenen Identifizierungen, 
in die das Ich auseinanderfährt, Konflikte, die endlich 
nicht durchwegs als pathologische bezeichnet werden 

können. 

Wie immer sich aber die spätere Resistenz des 
Charakters gegen die Einflüsse aufgegebener Objekt- 
besetzungen gestalten mag, die Wirkungen der ersten, 
im frühesten Alter erfolgten Identifizierungen werden 
allgemeine und nachhaltige sein. Dies führt uns zur 
Entstehung des Ichideals zurück, denn hinter ihm ver- 
birgt sich die erste und bedeutsamste Identifizierung 
des Individuums, die mit dem Vater der persönlichen 
Vorzeit. 1 Diese scheint zunächst nicht Erfolg oder 

1) Vielleicht wäre es vorsichtiger zu sagen, mit den Eltern, 
denn Vater und Mutter werden vor der sicheren Kenntnis des 



3* 



A 



36 Das I ch und das Es 

Ausgang einer Objektbesetzung zu sein, sie ist eine 
direkte und unmittelbare und frühzeitiger als jede 
Objektbesetzung. Aber die Objektwahlen, die der ersten 
Sexualperiode angehören und Vater und Mutter be- 
treffen, scheinen beim normalen Ablauf den Ausgang 
in solche Identifizierung zu nehmen und somit die 
primäre Identifizierung zu verstärken. 

Immerhin sind diese Beziehungen so kompliziert, 
daß es notwendig wird, sie eingehender zu beschreiben. 
Es sind zwei Momente, welche diese Komplikation 
verschulden, die dreieckige Anlage des ödipusverhält- 
nisses und die konstitutionelle Bisexualität des Indi- 
viduums. 

Der vereinfachte Fall gestaltet sich für das männ- 
liche Kind in folgender Weise: Ganz frühzeitig ent- 
wickelt es für die Mutter eine Objektbesetzung, die 
von der Mutterbrust ihren Ausgang nimmt und das 
vorbildliche Beispiel einer Objekt wähl nach dem An- 
lehnungstypus zeigt; des Vaters bemächtigt sich der 
Knabe durch Identifizierung. Die beiden Beziehungen 
gehen eine Weile nebeneinander her, bis durch die 

Geschlechtsunterschiedes, des Penismangels, nicht verschieden ge- 
wertet. In der Geschichte einer jungen Frau hatte ich kürzlich 
Gelegenheit zu erfahren, daß sie, seitdem sie ihren eigenen Penis- 
mangel bemerkt, den Besitz dieses Organs nicht allen Frauen, 
sondern bloß den für minderwertig gehaltenen aberkannt hatte. 
Die Mutter hatte ihn in ihrer Meinung behalten. Der einfacheren 
Darstellung wegen werde ich nur die Identifizierung mit dem 
Vater behandeln. 



III. Das Ich und das Über-Ich (Ich-Ideal) 37 

Verstärkung der sexuellen Wünsche nach der Mutter 
und die Wahrnehmung, daß der Vater diesen Wünschen 
ein Hindernis ist, der Ödipuskomplex entsteht. 1 Die 
Vateridentifizierung nimmt nun eine feindselige Tönung 
an, sie wendet sich zum Wunsch, den Vater zu be- 
seitigen, um ihn bei der Mutter zu ersetzen. Von da 
an ist das Verhältnis zum Vater ambivalent ; es scheint, 
als ob die in der Identifizierung von Anfang an ent- 
haltene Ambivalenz manifest geworden wäre. Die ambi- 
valente Einstellung zum Vater und die nur zärtliche 
Objektstrebung nach der Mutter beschreiben für den 
Knaben den Inhalt des einfachen, positiven Ödipus- 
komplexes. 

Bei der Zertrümmerung des Ödipuskomplexes muß 
die Objektbesetzung der Mutter aufgegeben werden. 
An ihre Stelle kann zweierlei treten, entweder eine 
Identifizierung mit der Mutter oder eine Verstärkung 
der Vateridentifizierung. Den letzteren Ausgang pflegen 
wir als den normaleren anzusehen, er gestattet es, die 
zärtliche Beziehung zur Mutter in gewissem Maße fest- 
zuhalten. Durch den Untergang des Ödipuskomplexes 
hätte so die Männlichkeit im Charakter des Knaben 
eine Festigung erfahren. In ganz analoger Weise kann 
die ödipuseinstellung des kleinen Mädchens in eine 
Verstärkung ihrer Mutteridentifizierung (oder in die 
Herstellung einer solchen) auslaufen, die den weib- 
lichen Charakter des Kindes festlegt. 

1) Vgl. Massenpsychologie und Ich-Analyse. VII. 












38 Das Ich und das Es 

Diese Identifizierungen entsprechen nicht unserer 
Erwartung, denn sie führen nicht das aufgegebene Ob- 
jekt ins Ich ein, aber auch dieser Ausgang kommt 
vor und ist bei Mädchen leichter zu beobachten als 
bei Knaben. Man erfährt sehr häufig aus der Analyse, 
daß das kleine Mädchen, nachdem es auf den Vater 
als Liebesobjekt verzichten mußte, nun seine Männlich- 
keit hervorholt und sich anstatt mit der Mutter, mit 
dem Vater, also mit dem verlorenen Objekt, identi- 
fiziert. Es kommt dabei offenbar darauf an, ob ihre 
männlichen Anlagen stark genug sind, — worin immer 
diese bestehen mögen. 

Der Ausgang der ödipussituation in Vater- oder 
in Mutteridentifizierung scheint also bei beiden Ge- 
schlechtern von der relativen Stärke der beiden Ge- 
schlechtsanlagen abzuhängen. Dies ist die eine Art, 
wie sich die Bisexualität in die Schicksale des Ödipus- 
komplexes einmengt. Die andere ist noch bedeut- 
samer. Man gewinnt nämlich den Eindruck, daß der 
einfache Ödipuskomplex überhaupt nicht das häufigste 
ist, sondern einer Vereinfachung oder Schematisierung 
entspricht, die allerdings oft genug praktisch gerecht- 
fertigt bleibt. Eingehendere Untersuchung deckt zu- 
meist den vollständigeren Ödipuskomplex auf, der 
ein zweifacher ist, ein positiver und negativer, ab- 
hängig von der ursprünglichen Bisexualität des Kindes, 
d. h. der Knabe hat nicht nur eine ambivalente Ein- 
stellung zum Vater und eine zärtliche Objektwahl für 






III. Das Ich und das Über-Ich (Ich-Ideal) 39 

die Mutter, sondern er benimmt sich auch gleichzeitig 
wie ein Mädchen, er zeigt die zärtliche feminine Ein- 
stellung zum Vater und die ihr entsprechende eifer- 
süchtig-feindselige gegen die Mutter. Dieses Eingreifen 
der Bisexualität macht es so schwer, die Verhält- 
nisse der primitiven Objektwahlen und Identifizierungen 
zu durchschauen und noch schwieriger, sie faßlich zu 
beschreiben. Es könnte auch sein, daß die im Eltern- 
verhältnis konstatierte Ambivalenz durchaus auf die 
Bisexualität zu beziehen wäre und nicht, wie ich es 
vorhin dargestellt, durch die Rivalitätseinstellung aus 
der Identifizierung entwickelt würde. 

Ich meine, man tut gut daran, im allgemeinen 
und ganz besonders bei Neurotikern die Existenz des 
vollständigen Ödipuskomplexes anzunehmen. Die ana- 
lytische Erfahrung zeigt dann, daß bei einer Anzahl 
von Fällen der eine oder der andere Bestandteil des- 
selben bis auf kaum merkliche Spuren schwindet, so 
daß sich eine Reihe ergibt, an deren einem Ende der 
normale, positive, an deren anderem Ende der um- 
gekehrte, negative Ödipuskomplex steht, während die 
Mittelglieder die vollständige Form mit ungleicher Be- 
teiligung der beiden Komponenten aufzeigen. Beim 
Untergang des Ödipuskomplexes werden die vier in 
ihm enthaltenen Strebungen sich derart zusammen- 
legen, daß aus ihnen eine Vater- und eine Mutter- 
identifizierung hervorgeht, die Vateridentifizierung wird 
das Mutterobjekt des positiven Komplexes festhalten 






40 Das Ich und das Es 



und gleichzeitig das Vaterobjekt des umgekehrten Kom- 
plexes ersetzen; analoges wird für die Mutteridenti- 
fizierung gelten. In der verschieden starken Ausprä- 
gung der beiden Identifizierungen wird sich die Un- 
gleichheit der beiden geschlechtlichen Anlagen spiegeln.- 

So kann man als allgemeinstes Ergebnis der 
vom Ödipuskomplex beherrschten Sexualphase 
einen Niederschlag im Ich annehmen, welcher 
in der Herstellung dieser beiden, irgendwie mit- 
einander vereinbarten Identifizierungen besteht. 
Diese Ichveränderung behält ihre Sonderstel- 
lung, sie tritt dem anderen Inhalt des Ichs als 
Ichideal oder Über-Ich entgegen. 

Das Über-Ich ist aber nicht einfach ein Residuum 
der ersten Objekt wählen des Es, sondern es hat auch 
die Bedeutung einer energischen Reaktionsbildung gegen 
dieselben. Seine Beziehung zum Ich erschöpft sich nicht 
in der Mahnung: So (wie der Vater) sollst du sein, 
sie umfaßt auch das Verbot: So (wie der Vater) 
darfst du nicht sein d. h. nicht alles tun, was er 
tut; manches bleibt ihm vorbehalten. Dies Doppel- 
angesicht des Ichideals leitet sich aus der Tatsache 
ab, daß das Ichideal zur Verdrängung des Ödipus- 
komplexes bemüht wurde, ja diesem Umschwung erst 
seine Entstehung dankt. Die Verdrängung des Ödipus- 
komplexes ist offenbar keine leichte Aufgabe gewesen. 
Da die Eltern, besonders der Vater, als das Hindernis 
gegen die Verwirklichung der ödipuswünsche erkannt 






III Das Ich und das Über-Ich (Ich-Ideal) 4 1 

werden, stärkte sich das infantile Ich für diese Ver- 
drängungsleistung, indem es dies selbe Hindernis in sich 
aufrichtete. Es lieh sich gewissermaßen die Kraft dazu 
vom Vater aus und diese Anleihe ist ein außerordent- 
lich folgenschwerer Akt. Das Über-Ich wird den Charak- 
ter des Vaters bewahren und je stärker der Ödipus- 
komplex war, je beschleunigter (unter dem Einfluß 
von Autorität, Religionslehre, Unterricht, Lektüre) seine 
Verdrängung erfolgte, desto strenger wird später das 
Über-Ich als Gewissen, vielleicht als unbewußtes Schuld- 
gefühl über das Ich herrschen. — Woher es die Kraft zu 
dieser Herrschaft bezieht, den zwangsartigen Charakter, 
der sich als kategorischer Imperativ äußert, darüber 
werde ich später eine Vermutung vorbringen. 

Fassen wir die beschriebene Entstehung des Über- 
Ichs nochmals ins Auge, so erkennen wir es als das 
Ergebnis zweier höchst bedeutsamer biologischer Fak- 
toren, der langen kindlichen Hilflosigkeit und Abhängig- 
keit des Menschen und der Tatsache seines Ödipus- 
komplexes, den wir ja auf die Unterbrechung der 
Libidoentwicklung durch die Latenzzeit, somit auf den 
zweizeitigen Ansatz seines Sexuallebens zurück- 
geführt haben. Letztere, wie es scheint, spezifisch 
menschliche Eigentümlichkeit hat eine psychoanalytische 
Hypothese als Erbteil der durch die Eiszeit erzwun- 
genen Entwicklung zur Kultur hingestellt. Somit ist 
die Sonderung des Über-Ichs vom Ich nichts Zufälliges, 
sie vertritt die bedeutsamsten Züge der individuellen 



. . 



42 Das Ich tmd das Es 



und der Artentwicklung, ja indem sie dem Elternein- 
fluß einen dauernden Ausdruck schafft, verewigt sie die 
Existenz der Momente, denen sie ihren Ursprung 
verdankt. 

Es ist der Psychoanalyse unzählige Male zum Vorwurf 
gemacht worden, daß sie sich um das Höhere, Mora- 
lische, Überpersönliche im Menschen nicht kümmere. 
Der Vorwurf war doppelt ungerecht, historisch wie 
methodisch. Ersteres, da von Anbeginn an den mora- 
lischen und ästhetischen Tendenzen im Ich der An- 
trieb zur Verdrängung zugeteilt wurde, letzteres, da 
man nicht einsehen wollte, daß die psychoanalytische 
Forschung nicht wie ein philosophisches System mit 
einem vollständigen und fertigen Lehrgebäude auf- 
treten konnte, sondern sich den Weg zum Verständ- 
nis der seelischen Komplikationen schrittweise durch 
die analytische Zergliederung normaler wie abnormer 
Phänomene bahnen mußte. Wir brauchten die zitternde 
Besorgnis um den Verbleib des Höheren im Menschen 
nicht zu teilen, solange wir uns mit dem Studium des 
Verdrängten im Seelenleben zu beschäftigen hatten. 
Nun, da wir uns an die Analyse des Ichs heranwagen, 
können wir all denen, welche, in ihrem sittlichen Be- 
wußtsein erschüttert, geklagt haben, es muß doch 
ein höheres Wesen im Menschen geben, antworten: 
Gewiß, und dies ist das höhere Wesen, das Ichideal 
oder Über-Ich, die Repräsentanz unserer Elternbe- 
ziehung. Als kleine Kinder haben wir diese höheren 




III. Das Ich und das Üb er- Ich ( Ich- Ideal) 43 

Wesen gekannt, bewundert, gefürchtet, später sie in 
uns selbst aufgenommen. 

Das Ichideal ist also der Erbe des Ödipuskom- 
plexes und somit Ausdruck der mächtigsten Regungen 
und wichtigsten Libidoschicksale des Es. Durch seine 
Aufrichtung hat sich das Ich des Ödipuskomplexes 
bemächtigt und gleichzeitig sich selbst dem Es unter- 
worfen. Während das Ich wesentlich Repräsentant der 
Außenwelt, der Realität ist, tritt ihm das Über-Ich 
als Anwalt der Innenwelt, des Es, gegenüber. Kon- 
flikte zwischen Ich und Ideal werden, darauf sind wir 
nun vorbereitet, in letzter Linie den Gegensatz von 
Real und Psychisch, Außenwelt und Innenwelt, wieder- 
spiegeln. 

Was die Biologie und die Schicksale der Menschen- 
art im Es geschaffen und hinterlassen haben, das wird 
durch die Idealbildung vom Ich übernommen und an 
ihm individuell wieder erlebt. Das Ichideal hat infolge 
seiner Bildungsgeschichte die ausgiebigste Verknüpfung 
mit dem phylogenetischen Erwerb, der archäischen 
Erbschaft, des Einzelnen. Was im einzelnen Seelen- 
leben dem Tiefsten angehört hat, wird durch die Ideal- 
bildung zum Höchsten der Menschenseele im Sinne 
unserer Wertungen. Es wäre aber ein vergebliches 
Bemühen, das Ichideal auch nur in ähnlicher Weise 
wie das Ich zu lokalisieren oder es in eines der Gleich- 
nisse einzupassen, durch welche wir die Beziehung von 
Ich und Es nachzubilden versuchten. 



1 



44 Das Ich und das Es 

Es ist leicht zu zeigen, daß das Ichideal allen An- 
sprüchen genügt, die an das höhere Wesen im Menschen 
gestellt werden. Als Ersatzbildung für die Vatersehnsucht 
enthält es den Keim, aus dem sich alle Religionen ge- 
bildet haben. Das Urteil der eigenen Unzulänglichkeit 
im Vergleich des Ichs mit seinem Ideal ergibt das 
demütige religiöse Empfinden, auf das sich der sehn- 
süchtig Gläubige beruft. Im weiteren Verlauf der Ent- 
wicklung haben Lehrer und Autoritäten die Vaterrolle 
fortgeführt; deren Gebote und Verbote sind im Ideal- 
Ich mächtig geblieben und üben jetzt als Gewissen 
die moralische Zensur aus. Die Spannung zwischen 
den Ansprüchen des Gewissens und den Leistungen 
des Ichs wird als Schuldgefühl empfunden. Die sozialen 
Gefühle ruhen auf Identifizierungen mit anderen auf 
Grund des gleichen Ichideals. 

Religion, Moral und soziales Empfinden — diese 
Hauptinhalte des Höheren im Menschen 1 — sind ur- 
sprünglich eins gewesen. Nach der Hypothese von 
„Totem und Tabu" wurden sie phylogenetisch am 
Vaterkomplex erworben, Religion und sittliche Be- 
schränkung durch die Bewältigung des eigentlichen 
Ödipuskomplexes, die sozialen Gefühle durch die 
Nötigung zur Überwindung der erübrigenden Rivalität 
unter den Mitgliedern der jungen Generation. In all 
diesen sittlichen Erwerbungen scheint das Geschlecht 



i) Wissenschaft und Kunst sind hier bei Seite gelassen. 



III Das Ich und das Üb er- Ich (Ich-Ideal) 45 

der Männer vorangegangen zu sein, gekreuzte Ver- 
erbung hat den Besitz auch den Frauen zugeführt. 
Die sozialen Gefühle entstehen noch heute beim Ein- 
zelnen als Überbau über die eifersüchtigen Rivalitäts- 
regungen gegen die Geschwister. Da die Feindselig- 
keit nicht zu befriedigen ist, stellt sich eine Identi- 
fizierung mit dem anfänglichen Rivalen her. Beobach- 
tungen an milden Homosexuellen stützen die Ver- 
mutung, daß auch diese Identifizierung Ersatz einer 
zärtlichen Objektwahl ist, welche die aggressiv-feind- 
selige Einstellung abgelöst hat. 1 

Mit der Erwähnung der Phylogenese tauchen aber 
neue Probleme auf, vor deren Beantwortung man zag- 
haft zurückweichen möchte. Aber es hilft wohl nichts, 
man muß den Versuch wagen, auch wenn man fürchtet, 
daß er die Unzulänglichkeit unserer ganzen Bemühung 
bloßstellen wird. Die Frage lautet: Wer hat seiner- 
zeit Religion und Sittlichkeit am Vaterkomplex er- 
worben, das Ich des Primitiven oder sein Es? Wenn 
es das Ich war, warum sprechen wir nicht einfach 
von einer Vererbung im Ich? Wenn das Es, wie stimmt 
das zum Charakter des Es? Oder darf man die Differen- 
zierung im Ich, Über-Ich und Es nicht in so frühe 
Zeiten tragen? Oder soll man nicht ehrlich eingestehen, 
daß die ganze Auffassung der Ichvorgänge nichts fürs 

i) Vgl. Massenpsychologie und Ich-Analyse. — Über einige 
neurotische Mechanismen bei Eifersucht, Paranoia und Homo- 
sexualität. 



46 Das Ich und das Es 

Verständnis der Phylogenese leistet und auf sie nicht 
anwendbar ist? 

Beantworten wir zuerst, was sich am leichtesten 
beantworten läßt. Die Differenzierung von Ich und Es 
müssen wir nicht nur den primitiven Menschen, sondern 
noch viel einfacheren Lebewesen zuerkennen, da sie 
der notwendige Ausdruck des Einflusses der Außen- 
welt ist. Das Über-Ich ließen wir gerade aus jenen 
Erlebnissen, die zum Totemismus führten, entstehen. 
Die Frage, ob das Ich oder das Es jene Erfahrungen 
und Erwerbungen gemacht haben, fällt bald in sich 
zusammen. Die nächste Erwägung sagt uns, daß das 
Es kein äußeres Schicksal erleben oder erfahren kann 
außer durch das Ich, welches die Außenwelt bei ihm 
vertritt. Von einer direkten Vererbung im Ich kann 
man aber doch nicht reden. Hier tut sich die Kluft 
auf zwischen dem realen Individuum und dem Begriff 
der Art. Auch darf man den Unterschied von Ich 
und Es nicht zu starr nehmen, nicht vergessen, daß 
das Ich ein besonders differenzierter Anteil des Es 
ist. Die Erlebnisse des Ichs scheinen zunächst für die 
Erbschaft verloren zu gehen, wenn sie aber sich häufig 
und stark genug bei vielen generationsweise aufeinander- 
folgenden Individuen wiederholen, setzen sie sich so- 
zusagen in Erlebnisse des Es um, deren Eindrücke 
durch Vererbung festgehalten werden. Somit beherbergt 
das erbliche Es in sich die Reste ungezählt vieler 
Ich-Existenzen, und wenn das Ich sein Über-Ich aus 



,. 









. 



III. Das Ich und das Über-Ich (Ich-Ideal) 47 

dem Es schöpft, bringt es vielleicht nur ältere Ich- 
gestaltungen wieder zum Vorschein, schafft ihnen eine 
Auferstehung. 

Die Entstehungsgeschichte des Über-Ichs macht 
es verständlich, daß frühe Konflikte des Ichs mit den 
Objektbesetzungen des Es sich in Konflikte mit deren 
Erben, dem Über-Ich, fortsetzen können. Wenn dem 
Ich die Bewältigung des Ödipuskomplexes schlecht ge- 
lungen ist, wird dessen dem Es entstammende Energie- 
besetzung in der Reaktionsbildung des Ichideals wieder 
zur Wirkung kommen. Die ausgiebige Kommunikation 
dieses Ideals mit diesen ubw Triebregungen wird das 
Rätsel lösen, daß das Ideal selbst zum großen Teil 
unbewußt, dem Ich unzugänglich bleiben kann. Der 
Kampf, der in tieferen Schichten getobt hatte, durch 
rasche Sublimierung und Identifizierung nicht zum Ab- 
schluß gekommen war, setzt sich nun wie auf dem 
Kaulb achschen Gemälde der Hunnenschlacht in einer 
höheren Region fort. 



IV 
DIE BEIDEN TRIEBARTEN 

Wir sagten bereits, wenn unsere Gliederung des 
seelischen Wesens in ein Es, ein Ich und ein Über- 
Ich einen Fortschritt in unserer Einsicht bedeutet, so 
muß sie sich auch als Mittel zum tieferen Verständnis 
und zur besseren Beschreibung der dynamischen Be- 
ziehungen im Seelenleben erweisen. Wir haben uns 
auch bereits klar gemacht, daß das Ich unter dem 
besonderen Einfluß der Wahrnehmung steht und daß 
man im Rohen sagen kann, die Wahrnehmungen haben 
für das Ich dieselbe Bedeutung wie die Triebe für 
das Es. Dabei unterliegt aber auch das Ich der Ein- 
wirkung der Triebe wie das Es, von dem es ja nur 
ein besonders modifizierter Anteil ist. 

Über die Triebe habe ich kürzlich (Jenseits des 
Lustprinzips) eine Anschauung entwickelt, die ich hier 
festhalten und den weiteren Erörterungen zu Grunde 
legen werde. Daß man zwei Triebarten zu unterscheiden 
hat, von denen die eine, Sexualtriebe oder Eros, 









TV. Die beiden Triebarten 49 



die bei weitem auffälligere und der Kenntnis zugäng- 
lichere ist. Sie umfaßt nicht nur den eigentlichen un- 
gehemmten Sexualtrieb und die von ihm abgeleiteten 
zielgehemmten und sublimierten Triebregungen, sondern 
auch den Selbsterhaltungstrieb, den wir dem Ich zu- 
schreiben müssen und den wir zu Anfang der analy- 
tischen Arbeit mit guten Gründen den sexuellen 
Objekttrieben gegenübergestellt hatten. Die zweite 
Triebart aufzuzeigen, bereitete uns Schwierigkeiten; 
endlich kamen wir darauf, den Sadismus als Repräsen- 
tanten derselben anzusehen. Auf Grund theoretischer, 
durch die Biologie gestützter Überlegungen supponierten 
wir einen Todestrieb, dem die Aufgabe gestellt ist, das 
organische Lebende in den leblosen Zustand zurück- 
zuführen, während der Eros das Ziel verfolgt, das 
Leben durch immer weitergreifende Zusammenfassung 
der in Partikel zersprengten lebenden Substanz zu 
komplizieren, natürlich es dabei zu erhalten. Beide 

P Triebe benehmen sich dabei im strengsten Sinne konser- 
vativ, indem sie die Wiederherstellung eines durch die 
Entstehung des Lebens gestörten Zustandes anstreben. 
Die Entstehung des Lebens wäre also die Ursache des 
Weiterlebens und gleichzeitig auch des Strebens nach 
dem Tode, das Leben selbst ein Kampf und Kom- 
promiß zwischen diesen beiden Strebungen. Die Frage 
nach der Herkunft des Lebens bliebe eine kosmo- 
logische, die nach Zweck und Absicht des Lebens 
wäre dualistisch beantwortet. 

Freud: Das Ich und das Es 4 






50 Das Ich und das Es 

Jeder dieser beiden Triebarten wäre ein besonderer 
physiologischer Prozeß (Aufbau und Zerfall) zugeordnet, 
in jedem Stück lebender Substanz wären beiderlei 
Triebe tätig, aber doch in ungleicher Mischung, so 
daß eine Substanz die Hauptvertretung des Eros über- 
nehmen könnte. 

In welcher Weise sich Triebe der beiden Arten 
miteinander verbinden, vermischen, legieren, wäre noch 
ganz unvorstellbar; daß dies aber regelmäßig und in 
großem Ausmaß geschieht, ist eine in unserem Zu- 
sammenhang unabweisbare Annahme. Infolge der Ver- 
bindung der einzelligen Elementarorganismen zu mehr- 
zelligen Lebewesen wäre es gelungen, den Todestrieb 
der Einzelzelle zu neutralisieren und die destruktiven 
Regungen durch Vermittlung eines besonderen Organs 
auf die Außenwelt abzuleiten. Dies Organ wäre die 
Muskulatur und der Todestrieb würde sich nun — 
wahrscheinlich doch nur teilweise — als Destruktions- 
trieb gegen die Außenwelt und andere Lebewesen 
äußern. 

Haben wir einmal die Vorstellung von einer Mischung 
der beiden Triebarten angenommen, so drängt sich 
uns auch die Möglichkeit einer — mehr oder minder 
vollständigen — Entmischung derselben auf. In der 
sadistischen Komponente des Sexualtriebs hätten wir 
ein klassisches Beispiel einer zweckdienlichen Trieb- 
mischung vor uns, im selbständig gewordenen Sadis- 
mus als Per version das Vorbild einer, allerdings nicht 



s 






IV. Die beiden Triebarten 5 1 

bis zum äußersten getriebenen Entmischung. Es eröffnet 
sich uns dann ein Einblick in ein großes Gebiet von 
Tatsachen, welches noch nicht in 'diesem Licht be- 
trachtet worden ist. Wir erkennen, daß der Destruk- 
tionstrieb regelmäßig zu Zwecken der Abfuhr in den 
Dienst des Eros gestellt ist, ahnen, daß der epilep- 
tische Anfall Produkt und Anzeichen einer Triebent- 
mischung ist, und lernen verstehen, daß unter den. 
Erfolgen mancher schweren Neurosen, z. B. der Zwangs- 
neurosen, die Trieb entmischung und das Hervortreten 
des Todestriebes eine besondere Würdigung verdient. 
In rascher Verallgemeinerung möchten wir vermuten, 
daß das Wesen einer Libidoregression, z. B. von der 
genitalen zur sadistisch-analen Phase, auf einer Trieb- 
entmischung beruht, wie umgekehrt der Fortschritt 
von der früheren zur definitiven Genitalphase einen 
Zuschuß von erotischen Komponenten zur Bedingung 
hat. Es erhebt sich auch die Frage, ob nicht die regu- 
läre Ambivalenz, die wir in der konstitutionellen An- 
lage zur Neurose so oft verstärkt finden, als Ergebnis 
einer Entmischung aufgefaßt werden darf; allein diese 
ist so ursprünglich, daß sie vielmehr als nicht voll- 
zogene Triebmischung gelten muß. 

Unser Interesse wird sich natürlich den Fragen 
zuwenden, ob sich nicht aufschlußreiche Beziehungen 
zwischen den angenommenen Bildungen des Ichs, Über- 
Ichs und des Es einerseits, den beiden Triebarten 
anderseits auffinden lassen, ferner, ob wir dem die 



4* 







52 Das Ich und das Es 

seelischen Vorgänge beherrschenden Lustprinzip eine 
feste Stellung zu den beiden Triebarten und den see- 
lischen Differenzierungen zuweisen können. Ehe wir 
aber in diese Diskussion eintreten, haben wir einen 
Zweifel zu erledigen, der sich gegen die Problemstellung 
selbst richtet. Am Lustprinzip ist zwar kein Zweifel, die 
Gliederung des Ichs ruht auf klinischer Rechtfertigung, 
aber die Unterscheidung der beiden Triebarten scheint 
nicht genug gesichert und möglicher Weise heben Tat- 
sachen der klinischen Analyse ihren Anspruch auf. 

Eine solche Tatsache scheint es zu geben. Für 
den Gegensatz der beiden Triebarten dürfen wir die 
Polarität von Liebe und Haß einsetzen. Um eine 
Repräsentanz des Eros sind wir ja nicht verlegen, 
dagegen sehr zufrieden, daß wir für den schwer zu 
fassenden Todestrieb im Destruktionstrieb, dem der 
Haß den Weg zeigt, einen Vertreter aufzeigen können. 
Nun lehrt uns die klinische Beobachtung, daß der Haß 
nicht nur der unerwartet regelmäßige Begleiter der 
Liebe ist (Ambivalenz), nicht nur häufig ihr Vorläufer 
in menschlichen Beziehungen, sondern auch, daß Haß 
sich unter mancherlei Verhältnissen in Liebe, und 
Liebe in Haß verwandelt. Wenn diese Verwandlung 
mehr ist als bloß zeitliche Sukzession, also Ablösung, 
dann ist offenbar einer so grundlegenden Unterscheidung 
wie zwischen erotischen und Todestrieben, die ent- 
gegengesetzt laufende physiologische Vorgänge vor- 
aussetzt, der Boden entzogen. 







IV. Die beiden Triebarten 55 

Nun der Fall, daß man dieselbe Person zuerst 
liebt und dann haßt, oder umgekehrt, wenn sie einem 
die Anlässe dazu gegeben hat, gehört offenbar nicht 
zu unserem Problem. Auch nicht der andere, daß 
eine noch nicht manifeste Verliebtheit sich zuerst durch 
Feindseligkeit und Aggressionsneigung äußert, denn die 
destruktive Komponente könnte da bei der Objektbe- 
setzung vorangeeilt sein, bis die erotische sich zu ihr 
gesellt. Aber wir kennen mehrere Fälle aus der Psycho- 
logie der Neurosen, in denen die Annahme einer Ver- 
wandlung näher liegt. Bei der Paranoia persecutoria er- 
wehrt sich der Kranke einer überstarken homosexuellen 
Bindung an eine bestimmte Person auf eine gewisse 
Weise, und das Ergebnis ist, daß diese geliebteste Person 
zum Verfolger wird, gegen den sich die oft gefährliche 
Aggression des Kranken richtet. Wir haben das Recht 
einzuschalten, daß eine Phase vorher die Liebe in Haß 
umgewandelt hatte. Bei der Entstehung der Homosexuali- 
tät, aber auch der desexualisierten sozialen Gefühle, 
lehrte uns die analytische Untersuchung erst neuerdings 
die Existenz von heftigen, zu Aggressionsneigung führen- 
den Gefühlen der Rivalität kennen, nach deren Über- 
windung erst das früher gehaßte Objekt zum geliebten 
oder zum Gegenstand einer Identifizierung wird. Die 
Frage erhebt sich, ob für diese Fälle eine direkte Um- 
setzung von Haß in Liebe anzunehmen ist. Hier handelt 
es sich ja um rein innerliche Änderungen, an denen ein 
geändertes Benehmen des Objekts keinen Anteil hat. 







54 Das Ich und das Es 

Die analytische Untersuchung des Vorganges bei 
der paranoischen Umwandlung macht uns aber mit der 
Möglichkeit eines anderen Mechanismus vertraut. Es 
ist von Anfang an eine ambivalente Einstellung vor- 
handen und die Verwandlung geschieht durch eine 
reaktive Besetzungsverschiebung, indem der erotischen 
Regung Energie entzogen und der feindseligen Energie 
zugeführt wird. 

Nicht das nämliche, aber ähnliches geschieht bei 
der Überwindung der feindseligen Rivalität, die zur 
Homosexualität führt. Die feindselige Einstellung hat 
keine Aussicht auf Befriedigung, daher — aus öko- 
nomischen Motiven also — wird sie von der Liebes- 
einstellung abgelöst, welche mehr Aussicht auf Befrie- 
digung d. i. Abfuhrmöglichkeit bietet. Somit brauchen 
wir für keinen dieser Fälle eine direkte Verwandlung 
von Haß in Liebe, die mit der qualitativen Verschieden- 
heit der beiden Triebarten unverträglich wäre, anzu- 
nehmen. 

Wir bemerken aber, daß wir bei der Inanspruch- 
nahme dieses anderen Mechanismus der Umwandlung 
von Liebe in Haß stillschweigend eine andere An- 
nahme gemacht haben, die laut zu werden verdient. 
Wir haben so geschaltet, als gebe es im Seelenleben 
— unentschieden, ob im Ich oder im Es — eine ver- 
schiebbare Energie, die an sich indifferent, zu einer 
qualitativ differenzierten erotischen oder destruktiven 
Regung hinzutreten und deren Gesamtbesetzung erhöhen 






IV. Die beiden Triebarten 55 



kann. Ohne die Annahme einer solchen verschiebbaren 
Energie kommen wir überhaupt nicht aus. Es fragt sich 
nur, woher sie stammt, wem sie zugehört und was sie 

bedeutet. 

Das Problem der Qualität der Triebregungen und 
deren Erhaltung bei den verschiedenen Triebschick- 
salen ist noch sehr dunkel und derzeit kaum in An- 
oriff genommen. An den sexuellen Partialtrieben, die 
der Beobachtung besonders gut zugänglich sind, kann 
man einige Vorgänge, die in denselben Rahmen ge- 
hören, feststellen, z. B. daß die Partialtriebe gewisser- 
maßen miteinander kommunizieren, daß ein Trieb aus 
einer besonderen erogenen Quelle seine Intensität zur 
Verstärkung eines Partial trieb es aus anderer Quelle 
abgeben kann, daß die Befriedigung des einen Triebes 
einem anderen die Befriedigung ersetzt u. dgl. mehr, 
was einem Mut machen muß, Annahmen gewisser Art 



zu wagen. 



Ich habe auch in der vorliegenden Diskussion nur 
eine Annahme, nicht einen Beweis zu bieten. Es er- 
scheint plausibel, daß diese wohl im Ich und im Es 
tätige, verschiebbare und indifferente Energie dem 
narzißtischen Libidovorrat entstammt, also desexuali- 
sierter Eros ist. Die erotischen Triebe erscheinen uns 
ja überhaupt plastischer, ablenkbarer und verschieb- 
barer als die Destruktionstriebe. Dann kann man ohne 
Zwang fortsetzen, daß diese verschiebbare Libido im 
Dienst des Lustprinzips arbeitet, um Stauungen zu 



_^ 






56 Das Ich und das Es 

vermeiden und Abfuhren zu erleichtern. Dabei ist eine 
gewisse Gleichgiltigkeit, auf welchem Wege die Ab- 
fuhr geschieht, wenn sie nur überhaupt geschieht, un- 
verkennbar. Wir kennen diesen Zug als charakteristisch 
für die Besetzungsvorgänge im Es. Er findet sich bei 
den erotischen Besetzungen, wobei eine besondere 
Gleichgiltigkeit in Bezug auf das Objekt entwickelt 
wird, ganz besonders bei den Übertragungen in der 
Analyse, die vollzogen werden müssen, gleichgiltig auf 
welche Personen. Rank hat kürzlich schöne Beispiele 
dafür gebracht, daß neurotische Racheaktionen gegen 
die unrichtigen Personen gerichtet werden. Man muß 
bei diesem Verhalten des Unbewußten an die komisch 
verwertete Anekdote denken, daß einer der drei Dorf- 
schneider gehängt werden soll, weil der einzige Dorf- 
schmied ein todwürdiges Verbrechen begangen hat. 
Strafe muß eben sein, auch wenn sie nicht den Schul- 
digen trifft. Die nämliche Lockerheit haben wir zuerst 
an den Verschiebungen des Primärvorganges in der 
Traumarbeit bemerkt. Wie hier die Objekte, so wären 
es in dem uns beschäftigenden Falle die Wege der 
Abfuhraktion, die erst in zweiter Linie in Betracht 
kommen. Dem Ich würde es ähnlich sehen, auf größerer 
Exaktheit in der Auswahl des Objekts, wie des Weges 
der Abfuhr zu bestehen. 

Wenn diese Verschiebungsenergie desexualisierte 
Libido ist, so darf sie auch sublimiert heißen, denn 
sie würde noch immer an der Hauptabsicht des Eros, 






IV. Die beiden Trieb arten 57 

zu vereinigen und zu binden, festhalten, indem sie zur 
Herstellung jener Einheitlichkeit dient, durch die — 
oder durch das Streben nach welcher — das Ich 
sich auszeichnet. Schließen wir die Denkvorgänge im 
weiteren Sinne unter diese Verschiebungen ein, so 
wird eben auch die Denkarbeit durch Sublimierung 
erotischer Triebkraft bestritten. 

Hier stehen wir wieder vor der früher berührten 
Möglichkeit, daß die Sublimierung regelmäßig durch 
die Vermittlung des Ichs vor sich geht. Wir erinnern 
den anderen Fall, daß dies Ich die ersten und gewiß 
auch spätere Objektbesetzungen des Es dadurch er- 
ledigt, daß es deren Libido ins Ich aufnimmt und an 
die durch Identifizierung hergestellte Ichveränderung 
bindet. Mit dieser Umsetzung in Ichlibido ist natürlich 
ein Aufgeben der Sexualziele, eine Desexualisierung, 
verbunden. Jedenfalls erhalten wir so Einsicht in eine 
wichtige Leistung des Ichs in seinem Verhältnis zum 
Eros. Indem es sich in solcher Weise der Libido der 
Objektbesetzungen bemächtigt, sich zum alleinigen 
Liebesobjekt auf wirft, die Libido des Es desexuali- 
siert oder sublimiert, arbeitet es den Absichten des 
Eros entgegen, stellt sich in den Dienst der gegne- 
rischen Triebregungen. Einen anderen Anteil der Es- 
Objektbesetzungen muß es sich gefallen lassen, so- 
zusagen mitmachen. Auf eine andere mögliche Folge . 
dieser Ichtätigkeit werden wir später zu sprechen 
kommen. 



. . H 



58 Das Ich und das Es 

An der Lehre vom Narzißmus wäre nun eine wich- 
tige Ausgestaltung vorzunehmen. Zu Uranfang ist alle 
Libido im Es angehäuft, während das Ich noch in der 
Bildung begriffen oder schwächlich ist. Das Es sendet 
einen Teil dieser Libido auf erotische Objektbesetzungen 
aus, worauf das erstarkte Ich sich dieser Objektlibido 
zu bemächtigen und sich dem Es als Liebesobjekt 
aufzudrängen sucht. Der Narzißmus des Ichs ist so 
ein sekundärer, den Objekten entzogener. 

Immer wieder machen wir die Erfahrung, daß die 
Triebregungen, die wir verfolgen können, sich als Ab- 
kömmlinge des Eros enthüllen. Wären nicht die im 
„Jenseits des Lustprinzips" angestellten Erwägungen 
und endlich die sadistischen Beiträge zum Eros, so 
hätten wir es schwer, an der dualistischen Grund- 
anschauung festzuhalten. Da wir aber dazu genötigt 
sind, müssen wir den Eindruck gewinnen, daß die 
Todestriebe im wesentlichen stumm sind und der Lärm 
des Lebens meist vom Eros ausgeht. 1 

Und vom Kampf gegen den Eros! Es ist die An- 
schauung nicht abzuweisen, daß das Lustprinzip dem 
Es als ein Kompaß im Kampf gegen die Libido dient, 
die Störungen in den Lebensablauf einführt. Wenn 
das Konstanz-Prinzip im Sinne Fechners das Leben 
beherrscht, welches also dann ein Gleiten in den Tod 

1) Nach unserer Auffassung sind ja die nach außen gerichteten 
Destruktionstriebe durch Vermittlung des Eros vom eigenen Selbst 
abgelenkt worden. 



IV. Die beiden Triebarten 59 

sein sollte, so sind es die Ansprüche des Eros, der 
Sexualtriebe, welche als Triebbedürfnisse das Herab- 
sinken des Niveaus auihalten und neue Spannungen 
einführen. Das Es erwehrt sich ihrer, vom Lustprinzip 
d. h. der Unlustwahrnehmung geleitet, auf verschiedenen 
Wegen. Zunächst durch möglichst beschleunigte Nach- 
giebigkeit gegen die Forderungen der nicht desexuali- 
sierten Libido, also durch Ringen nach Befriedigung 
der direkt sexuellen Strebungen. In weit ausgiebigerer 
Weise, indem es sich bei einer dieser Befriedigungen, 
in der alle Teilansprüche zusammentreffen, der sexu- 
ellen Substanzen entledigt, welche sozusagen gesättigte 
Träger der erotischen Spannungen sind. Die Abstoßung 
der Sexualstoffe im Sexualakt entspricht gewissermaßen 
der Trennung von Soma und Keimplasma. Daher die 
Ähnlichkeit des Zustandes nach der vollen Sexual- 
befriedigung mit dem Sterben, bei niederen Tieren 
das Zusammenfallen des Todes mit dem Zeugungsakt. 
Diese Wesen sterben an der Fortpflanzung, insoferne 
nach der Ausschaltung des Eros durch die Befriedigung 
der Todestrieb freie Hand bekommt, seine Absichten 
durchzusetzen. Endlich erleichtert, wie wir gehört haben, 
das Ich dem Es die Bewältigungsarbeit, indem es An- 
teile der Libido für sich und seine Zwecke sublimiert. 



V 
DIE ABHÄNGIGKEITEN DES ICHS 

Die Verschlungenheit des Stoffes mag entschuldigen, 
daß sich keine der Überschriften ganz mit dem In- 
halt der Kapitel deckt, und daß wir immer wieder auf 
bereits Erledigtes zurückgreifen, wenn wir neue Be- 
ziehungen studieren wollen. 

So haben wir wiederholt gesagt, daß das Ich sich 
zum guten Teil aus Identifizierungen bildet, welche 
aufgelassene Besetzungen des Es ablösen, daß die 
ersten dieser Identifizierungen sich regelmäßig als be- 
sondere Instanz im Ich gebärden, sich als Über-Ich 
dem Ich entgegenstellen, während das erstarkte Ich 
sich späterhin gegen solche Identifizierungseinflüsse 
resistenter verhalten mag. Das Über-Ich verdankt seine 
besondere Stellung im Ich oder zum Ich einem Moment, 
das von zwei Seiten her eingeschätzt werden soll, 
erstens, daß es die erste Identifizierung ist, die vor- 
fiel, solange das Ich noch schwach war, und zweitens, 
daß es der Erbe des Ödipuskomplexes ist, also die 
großartigsten Objekte ins Ich einführte. Es verhält 



V. Die Abhä?igigkeiten des Ichs 



61 



sich gewissermaßen zu den späteren Ich Veränderungen 
wie die primäre Sexualphase der Kindheit zum späteren 
Sexualleben nach der Pubertät. Obwohl allen späteren 
Einflüssen zugänglich, behält es doch zeitlebens den 
Charakter, der ihm durch seinen Ursprung aus dem 
Vaterkomplex verliehen ist, nämlich die Fähigkeit, sich 
dem Ich entgegenzustellen und es zu meistern. Es 
ist das Denkmal der einstigen Schwäche und Ab- 
hängigkeit des Ichs und setzt seine Herrschaft auch 
über das reife Ich fort. Wie das Kind unter dem 
Zwange stand, seinen Eltern zu gehorchen, so unter- 
wirft sich das Ich dem kategorischen Imperativ seines 
Über-Ichs. 

Die Abkunft von den ersten Objektbesetzungen 
des Es, also vom Ödipuskomplex, bedeutet aber für 
das Über-Ich noch mehr. Sie bringt es, wie wir bereits 
ausgeführt haben, in Beziehung zu den phylogenetischen 
Erwerbungen des Es und macht es zur Reinkarnation 
früherer Ichbildungen, die ihre Niederschläge im Es 
hinterlassen haben. Somit steht das Über-Ich dem Es 
dauernd nahe und kann dem Ich gegenüber dessen 
Vertretung führen. Es taucht tief ins Es ein, ist dafür 
entfernter vom Bewußtsein als das Ich. 1 

Diese Beziehungen würdigen wir am besten, wenn 
wir uns gewissen klinischen Tatsachen zuwenden, die 

i) Man kann sagen: Auch das psychoanalytische oder meta- 
psychologische Ich steht auf dem Kopf wie das anatomische, das 
Gehirnmännchen. 









62 Das Ich und das Es 



längst keine Neuheit sind, aber ihrer theoretischen 
Verarbeitung noch warten. 

Es gibt Personen, die sich in der analytischen 
Arbeit ganz sonderbar benehmen. Wenn man ihnen 
Hoffnung gibt und ihnen Zufriedenheit mit dem Stand 
der Behandlung zeigt, scheinen sie unbefriedigt und 
verschlechtern regelmäßig ihr Befinden. Man hält das 
anfangs für Trotz und Bemühen, dem Arzt ihre Über- 
legenheit zu bezeugen. Später kommt man zu einer 
tieferen und gerechteren Auffassung. Man überzeugt 
sich nicht nur, daß diese Personen kein Lob und keine 
Anerkennung vertragen, sondern, daß sie auf die 
Fortschritte der Kur in verkehrter Weise reagieren. 
Jede Partiallösung, die eine Besserung oder zeitweiliges 
Aussetzen der Symptome zur Folge haben sollte und 
bei anderen auch hat, ruft bei ihnen eine momentane 
Verstärkung ihres Leidens hervor, sie verschlimmern 
sich während der Behandlung anstatt sich zu bessern. 
Sie zeigen die sogenannte negative therapeutische 
Reaktion. 

Kein Zweifel, daß sich bei ihnen etwas der Genesung 
widersetzt, daß deren Annäherung wie eine Gefahr 
gefürchtet wird. Man sagt, bei diesen Personen hat 
nicht der Genesungswille, sondern das Krankheits- 
bedürfnis die Oberhand. Analysiert man diesen Wider- 
stand in gewohnter Weise, zieht die Trotzeinstellung 
gegen den Arzt, die Fixierung an die Formen des 
Krankheitsgewinnes von ihm ab, so bleibt doch das 



I 



V. Die Abhängigkeiten des Ichs 63 

meiste noch bestehen und dies erweist sich als das 
stärkste Hindernis der Wiederherstellung, stärker als 
die uns bereits bekannten der narzißtischen Unzugäng- 
lichkeit, der negativen Einstellung gegen den Arzt und 
des Haftens am Krankheitsgewinne. 

Man kommt endlich zur Einsicht, daß es sich um 
einen sozusagen „moralischen" Faktor handelt, um 
ein Schuldgefühl, welches im Kranksein seine Be- 
friedigung rindet und auf die Strafe des Leidens nicht 
verzichten will. An dieser wenig tröstlichen Aufklärung 
darf man endgiltig festhalten. Aber dies Schuldgefühl 
ist für den Kranken stumm, es sagt ihm nicht, daß 
er schuldig ist, er fühlt sich nicht schuldig, sondern 
krank. Dies Schuldgefühl äußert sich nur als schwer 
reduzierbarer Widerstand gegen die Herstellung. Es 
ist auch besonders schwierig, den Kranken von diesem 
Motiv seines Krankbleibens zu überzeugen, er wird sich 
an die näher liegende Erklärung halten, daß die ana- 
lytische Kur nicht das richtige Mittel ist, ihm zu helfen. 1 



1) Der Kampf gegen das Hindernis des unbewußten Schuld- 
gefühls wird dem Analytiker nicht leicht gemacht. Man kann 
direkt nichts dagegen tun, indirekt nichts anderes, als daß man 
langsam seine unbewußt verdrängten Begründungen aufdeckt, wo- 
bei es sich allmählich in bewußtes Schuldgefühl verwandelt. Eine 
besondere Chance der Beeinflussung gewinnt man, wenn dies 
ubw Schuldgefühl ein entlehntes ist, d. h. das Ergebnis der 
Identifizierung mit einer anderen Person, die einmal Objekt einer 
erotischen Besetzung war. Eine solche Übernahme des Schuld- 
gefühls ist oft der einzige, schwer kenntliche Rest der aufgegebenen 



. 









64 Das Ich und das Es 



Was hier beschrieben wurde, entspricht den ex- 
tremsten Vorkommnissen, dürfte aber in geringerem 
Ausmaß für sehr viele, vielleicht für alle schwereren 
Fälle von Neurose in Betracht kommen. Ja noch mehr, 
vielleicht ist es gerade dieser Faktor, das Verhalten 
des Ichideals, der die Schwere einer neurotischen Er- 
krankung maßgebend bestimmt. Wir wollen darum 
einigen weiteren Bemerkungen über die Äußerung des 
Schuldgefühls unter verschiedenen Bedingungen nicht 
aus dem Wege gehen. 

Das normale, bewußte Schuldgefühl (Gewissen) bietet 
der Deutung keine Schwierigkeiten, es beruht auf der 
Spannung zwischen dem Ich und dem Ichideal, ist der 
Ausdruck einer Verurteilung des Ichs durch seine 

Liebesbeziehung. Die Ähnlichkeit mit dem Vorgang bei Melan- 
cholie ist dabei unverkennbar. Kann man diese einstige Objekt- 
besetzung hinter dem ubw Schuldgefühl aufdecken, so ist die 
therapeutische Aufgabe oft glänzend gelöst, sonst ist der Ausgang 
der therapeutischen Bemühung keineswegs gesichert. Er hängt in 
erster Linie von der Intensität des Schuldgefühls ab, welcher die 
Therapie oft keine Gegenkraft von gleicher Größenordnung ent- 
gegenstellen kann. Vielleicht auch davon, ob die Person des Analy- 
tikers es zuläßt, daß sie vom Kranken an die Stelle seines Ichideals 
gesetzt werde, womit die Versuchung verbunden ist, gegen den 
Kranken die Rolle des Propheten, Seelenretters, Heilands zu spielen. 
Da die Regeln der Analyse einer solchen Verwendung der ärzt- 
lichen Persönlichkeit entschieden widerstreben, ist ehrlich zuzu- 
geben, daß hier eine neue Schranke für die Wirkung der Analyse 
gegeben ist, die ja die krankhaften Reaktionen nicht unmöglich 
machen, sondern dem Ich des Kranken die Freiheit schaffen soll, 
sich so oder anders zu entscheiden. 



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Die Abhängigkeiten des Ichs 65 



kritische Instanz. Die bekannten Minderwertigkeits- 
gefühle der Neurotiker dürften nicht weit davon ab- 
liegen. In zwei uns wohlvertrauten Affektionen ist das 
Schuldgefühl überstark bewußt; das Ichideal zeigt dann 
eine besondere Strenge und wütet gegen das Ich oft 
in grausamer Weise. Neben dieser Übereinstimmung 
ergeben sich bei den beiden Zuständen, Zwangsneu- 
rose und Melancholie, Verschiedenheiten im Verhalten 
des Ichideals, die nicht minder bedeutungsvoll sind. 

Bei der Zwangsneurose (gewissen Formen der- 
selben) ist das Schuldgefühl überlaut, kann sich aber 
vor dem Ich nicht rechtfertigen. Das Ich des Kranken 
sträubt sich daher gegen die Zumutung, schuldig zu 
sein, und verlangt vom Arzt, in seiner Ablehnung dieser 
Schuldgefühle bestärkt zu werden. Es wäre töricht, 
ihm nachzugeben, denn es bliebe erfolglos. Die Analyse 
zeigt dann, daß das Uber-Ich durch Vorgänge beein- 
flußt wird, welche dem Ich unbekannt geblieben sind. 
Es lassen sich wirklich die verdrängten Impulse auf- 
finden, welche das Schuldgefühl begründen. Das Über- 
ich hat hier mehr vom unbewußten Es gewußt als 
das Ich. 

Noch stärker ist der Eindruck, daß das Über-Ich 
das Bewußtsein an sich gerissen hat, bei der Melan- 
cholie. Aber hier wagt das Ich keinen Einspruch, es 
bekennt sich schuldig und unterwirft sich den Strafen. 
Wir verstehen diesen Unterschied. Bei der Zwangs- 
neurose handelte es sich um anstößige Regungen, die 

Freud: Das Ich und das Es C 










• 



66 Das Ich und das Es 



außerhalb des Ichs geblieben sind; bei der Melan- 
cholie aber ist das Objekt, dem der Zorn des Über- 
Ichs gilt, durch Identifizierung ins Ich aufgenommen 
worden. 

Es ist gewiß nicht selbstverständlich, daß bei diesen 
beiden neurotischen Affektionen das Schuldgefühl eine 
so außerordentliche Stärke erreicht, aber das Haupt- 
problem der Situation liegt doch an anderer Stelle. 
Wir schieben seine Erörterung auf, bis wir die anderen 
Fälle behandelt haben, in denen das Schuldgefühl un- 
bewußt bleibt. 

Dies ist doch wesentlich bei Hysterie und Zu- 
ständen vom hysterischen Typus zu finden. Der Mecha- 
nismus des Unbewußtbleibens ist hier leicht zu erraten. 
Das hysterische Ich erwehrt sich der peinlichen Wahr- 
nehmung, die ihm von Seiten der Kritik seines Uber- 
Ichs droht, in derselben Weise, wie es sich sonst einer 
unerträglichen Objektbesetzung zu erwehren pflegt, 
durch einen Akt der Verdrängung. Es liegt also am 
Ich, wenn das Schuldgefühl unbewußt bleibt. Wir 
wissen, daß sonst das Ich die Verdrängungen im Dienst 
und Auftrag seines Über-Ichs vornimmt; hier ist 
aber ein Fall, wo es sich derselben Waffe gegen 
seinen gestrengen Herrn bedient. Bei der Zwangs- 
neurose überwiegen bekanntlich die Phänomene der 
Reaktionsbildung; hier gelingt dem Ich nur die Fern- 
haltung des Materials, auf welches sich das Schuldgefühl 
bezieht. 






V. Die Abhängigkeiten des Ichs 67 

Man kann weiter gehen und die Voraussetzung 
wagen, daß ein großes Stück des Schuldgefühls nor- 
maler Weise unbewußt sein müsse, weil die Ent- 
stehung des Gewissens innig an den Ödipuskomplex 
geknüpft ist, welcher dem Unbewußten angehört. Würde 
jemand den paradoxen Satz vertreten wollen, daß der 
normale Mensch nicht nur viel unmoralischer ist als 
er glaubt, sondern auch viel moralischer als er weiß, 
so hätte die Psychoanalyse, auf deren Befunden die 
erste Hälfte der Behauptung ruht, auch gegen die 
zweite Hälfte nichts einzuwenden. 1 

Es war eine Überraschung, zu finden, daß eine 
Steigerung dieses ubw Schuldgefühls den Menschen 
zum Verbrecher machen kann. Aber es ist unzweifel- 
haft so. Es läßt sich bei vielen, besonders jugendlichen 
Verbrechern ein mächtiges Schuldgefühl nachweisen, 
welches vor der Tat bestand, also nicht deren Folge, 
sondern deren Motiv ist, als ob es als Erleichterung 
empfunden würde, dies unbewußte Schuldgefühl an 
etwas Reales und Aktuelles knüpfen zu können. 

In all diesen Verhältnissen erweist das Über-Ich 
seine Unabhängigkeit vom bewußten Ich und seine 
innigen Beziehungen zum unbewußten Es. Nun erhebt 
sich mit Rücksicht auf die Bedeutung, die wir den 



1) Dieser Satz ist nur scheinbar ein Paradoxon; er besagt 
einfach, daß die Natur des Menschen im Guten wie im Bösen 
weit über das hinausgeht, was er von sich glaubt, d. h. was seinem 
Ich durch Bewußtseinswahrnehmung bekannt ist. 

5* 



. 



68 Das Ich und das Es 

vorbewußten Wortresten im Ich zugeschrieben haben, 
die Frage, ob das Über-Ich, wenn es ubw ist, nicht 
aus solchen Wortvorstellungen, oder aus was sonst 
es besteht. Die bescheidene Antwort wird lauten, daß 
das Über-Ich auch seine Herkunft aus Gehörtem un- 
möglich verleugnen kann, es ist ja ein Teil des Ichs 
und bleibt von diesen Wortvorstellungen (Begriffen, 
Abstraktionen) eher dem Bewußtsein zugänglich, aber 
die Besetzungsenergie wird diesen Inhalten des Über- 
Ichs nicht von der Hörwahrnehmung, dem Unterricht, 
der Lektüre, sondern von den Quellen im Es zu- 
geführt. 

Die Frage, deren Beantwortung wir zurückgestellt 
hatten, lautet: wie geht es zu, daß das Über-Ich sich 
wesentlich als Schuldgefühl (besser: als Kritik; Schuld- 
gefühl ist die dieser Kritik entsprechende Wahrneh- 
mung im Ich) äußert und dabei eine so außerordent- 
liche Härte und Strenge gegen das Ich entfaltet. Wenden 
wir uns zunächst zur Melancholie, so finden wir, daß 
das überstarke Über-Ich, welches das Bewußtsein an 
sich gerissen hat, gegen das Ich mit schonungsloser 
Heftigkeit wütet, als ob es sich des ganzen im Indi- 
viduum verfügbaren Sadismus bemächtigt hätte. Nach 
unserer Auffassung des Sadismus würden wir sagen, 
die destruktive Komponente habe sich im Über-Ich 
abgelagert und gegen das Ich gewendet. Was nun im 
Über-Ich herrscht, ist wie eine Reinkultur des Todes- 
triebes, und wirklich gelingt es diesem oft genug, das 



V. Die Abhängigkeiten des Ichs 69 

Ich in den Tod zu treiben, wenn das Ich sich nicht 
vorher durch den Umschlag in Manie seines Tyrannen 
erwehrt. 

Ähnlich peinlich und quälerisch sind die Gewissens- 
vorwürfe bei bestimmten Formen der Zwangsneurose, 
aber die Situation ist hier weniger durchsichtig. Es 
ist im Gegensatz zur Melancholie bemerkenswert, 
daß der Zwangskranke eigentlich niemals den Schritt 
der Selbsttötung macht, er ist wie immun gegen 
die Selbstmordgefahr, weit besser dagegen geschützt 
als der Hysteriker. Wir verstehen, es ist die Erhal- 
tung des Objekts, die die Sicherheit des Ichs ver- 
bürgt. Bei der Zwangsneurose ist es durch eine 
Regression zur prägenitalen Organisation möglich ge- 
worden, daß die Liebesimpulse sich in Aggressions- 
impulse gegen das Objekt umsetzen. Wiederum ist 
der Destruktionstrieb frei geworden und will das Ob- 
jekt vernichten, oder es hat wenigstens den Anschein, 
als bestünde solche Absicht. Das Ich hat diese Ten- 
denzen nicht aufgenommen, es sträubt sich gegen sie 
mit Reaktionsbildungen und Vorsichtsmaßregeln, sie 
verbleiben im Es. Das Über-Ich aber benimmt sich, 
als wäre das Ich für sie verantwortlich, und zeigt uns 
gleichzeitig durch den Ernst, mit dem es diese Ver- 
nichtungsabsichten verfolgt, daß es sich nicht um einen 
durch die Regression hervorgerufenen Anschein, sondern 
um wirklichen Ersatz von Liebe durch Haß handelt. 
Nach beiden Seiten hilflos, wehrt sich das Ich vergeblich 



r < 



jo Das Ich und das Es 






gegen die Zumutungen des mörderischen Es wie 
gegen die Vorwürfe des strafenden Gewissens. Es ge- 
lingt ihm, gerade die gröbsten Aktionen beider zu 
hemmen, das Ergebnis ist zunächst eine endlose Selbst- 
qual und in der weiteren Entwicklung eine systema- 
tische Quälerei des Objekts, wo dies zugänglich ist. 

Die gefährlichen Todestriebe werden im Individuum 
auf verschiedene Weise behandelt, teils durch Mischung 
mit erotischen Komponenten unschädlich gemacht, teils 
als Aggression nach außen abgelenkt, zum großen Teil 
setzen sie gewiß unbehindert ihre innere Arbeit fort. 
Wie kommt es nun, daß bei der Melancholie das Über- 
Ich zu einer Art Sammelstätte der Todestriebe werden 
kann? 

Vom Standpunkt der Triebeinschränkung, der 
Moralität, kann man sagen: Das Es ist ganz amoralisch, 
das Ich ist bemüht moralisch zu sein, das Über-Ich 
kann hypermoralisch und dann so grausam werden wie 
nur das Es. Es ist merkwürdig, daß der Mensch, je 
mehr er seine Aggression nach außen einschränkt, desto 
strenger, also aggressiver in seinem Ichideal wird. Der 
gewöhnlichen Betrachtung erscheint dies umgekehrt, sie 
sieht in der Forderung des Ichideals das Motiv für die 
Unterdrückung der Aggression. Die Tatsache bleibt 
aber, wie wir sie ausgesprochen haben: Je mehr ein 
Mensch seine Agression meistert, desto mehr steigert 
sich die Aggressionsneigung seines Ideals gegen sein 
Ich. Es ist wie eine Verschiebung, eine Wendung gegen 






V. Die Abhängigkeiten des Ichs 71 






das eigene Ich. Schon die gemeine, normale Moral 
hat den Charakter des hart Einschränkenden, grausam 
Verbietenden. Daher stammt ja die Konzeption des 
unerbittlich strafenden höheren Wesens. 

Ich kann nun diese Verhältnisse nicht weiter erläutern, 
ohne eine neue Annahme einzuführen. Das Über-Ich 
ist ja durch eine Identifizierung mit dem Vatervorbild 
entstanden. Jede solche Identifizierung hat den Charakter 
einer Desexualisierung oder selbst Sublimierung. Es 
scheint nun, daß bei einer solchen Umsetzung auch 
eine Trieb entmischung stattfindet. Die erotische Kom- 
ponente hat nach der Sublimierung nicht mehr die Kraft, 
die ganze hinzugesetzte Destruktion zu binden, und diese 
wird als Aggressions- und Destruktionsneigung frei. Aus 
dieser Entmischung würde das Ideal überhaupt den 
harten, grausamen Zug des gebieterischen Sollens 

beziehen. 

Noch ein kurzes Verweilen bei der Zwangsneurose. 
Hier liegen die Verhältnisse anders. Die Entmischung der 
Liebe zur Aggression ist nicht durch eine Leistung des 
Ichs zu Stande gekommen, sondern die Folge einer 
Regression, die sich im Es vollzogen hat. Aber dieser 
Vorgang hat vom Es auf das Über-Ich übergegriffen, 
welches nun seine Strenge gegen das unschuldige Ich 
verschärft. In beiden Fällen würde aber das Ich, welches 
die Libido durch Identifizierung bewältigt hat, dafür 
die Strafe durch die der Libido beigemengte Aggression | 

vom Über-Ich her erleiden. 



72 Das Ich und das Es 

Unsere Vorstellungen vom Ich beginnen sich zu 
klären, seine verschiedenen Beziehungen an Deutlichkeit 
zu gewinnen. Wir sehen das Ich jetzt in seiner Stärke und 
in seinen Schwächen. Es ist mit wichtigen Funktionen 
betraut, kraft seiner Beziehung zum Wahrnehmungs- 
system stellt es die zeitliche Anordnung der seelischen 
Vorgänge her und unterzieht dieselben der Realitäts- 
prüfung. Durch die Einschaltung der Denkvorgänge 
erzielt es einen Aufschub der motorischen Entladungen 
und beherrscht die Zugänge zur Motilität. Letztere 
Herrschaft ist allerdings mehr formal als faktisch, das 
Ich hat in der Beziehung zur Handlung etwa die Stellung 
eines konstitutionellen Monarchen, ohne dessen Sanktion 
nichts Gesetz werden kann, der es sich aber sehr über- 
legt, ehe er gegen einen Vorschlag des Parlaments 
sein Veto einlegt. Das Ich bereichert sich bei allen 
Lebenserfahrungen von außen; das Es aber ist seine 
andere Außenwelt, die es sich zu unterwerfen strebt. 
Es entzieht dem Es Libido, bildet die Objektbesetzungen 
des Es zu Ichgestaltungen um. Mit Hilfe des Über-Ichs 
schöpft es in einer für uns noch dunklen Weise aus 
den im Es angehäuften Erfahrungen der Vorzeit. 

Es gibt zwei Wege, auf denen der Inhalt des Es 
ins Ich eindringen kann. Der eine ist der direkte, der 
andere führt über das Ichideal, und es mag für manche 
seelische Tätigkeiten entscheidend sein, auf welchem der 
beiden Wege sie erfolgen. Das Ich entwickelt sich von 
der Triebwahrnehmung zur Triebbeherrschung, vom 



V. Die Abhängigkeiten des Ichs 



73 



Triebgehorsam zur Triebhemmung. An dieser Leistung 
hat das Ichideal, das ja zum Teil eine Reaktionsbildung 
gegen die Triebvorgänge des Es ist, seinen starken 
Anteil. Die Psychoanalyse ist ein Werkzeug, welches 
dem Ich die fortschreitende Eroberung des Es ermög- 
lichen soll. 

Aber anderseits sehen wir dasselbe Ich als armes 
' Ding, welches unter dreierlei Dienstbarkeiten steht und 
demzufolge unter den Drohungen von dreierlei Ge- 
fahren leidet, von der Außenwelt her, von der Libido 
des Es und von der Strenge des Über-Ichs. Dreierlei 
Arten von Angst entsprechen diesen drei Gefahren, 
denn Angst ist der Ausdruck eines Rückzugs vor der 
Gefahr. Als Grenzwesen will das Ich zwischen der Welt 
und dem Es vermitteln, das Es der Welt gefügig 
machen und die Welt mittels seiner Muskelaktionen 
dem Es-Wunsch gerecht machen. Es benimmt sich 
eigentlich wie der Arzt in einer analytischen Kur, in- 
dem es sich selbst mit seiner Rücksichtnahme auf die 
reale Welt dem Es alsLibidoobjekt empfiehlt und dessen 
Libido auf sich lenken will. Es ist nicht nur der Helfer 
des Es, auch sein unterwürfiger Knecht, der um die 
Liebe seines Herrn wirbt. Es sucht, wo möglich, im 
Einvernehmen mit dem Es zu. bleiben, überzieht dessen 
ubw Gebote mit seinen vbw Rationalisierungen, spiegelt 
den Gehorsam des Es gegen die Mahnungen der Realität 
vor, auch wo das Es starr und unnachgiebig geblieben 
ist, vertuscht die Konflikte des Es mit der Realität und 












. 



74 Das Ich und das Es 

wo möglich auch die mit dem Über-Ich. In seiner 
Mittelstellung zwischen Es und Realität unterliegt es nur 
zu oft der Versuchung, liebedienerisch, opportunistisch 
und lügnerisch zu werden, etwa wie ein Staatsmann, 
der bei guter Einsicht sich doch in der Gunst der 
öffentlichen Meinung behaupten will. 

Zwischen beiden Triebarten hält es sich nicht un- 
parteiisch. Durch seine Identifizierungs- und Sublimie- 
rungsarbeit leistet es den Todestrieben im Es Beistand 
zur Bewältigung der Libido, gerät aber dabei in Gefahr, 
zum Objekt der Todestriebe zu werden und selbst um- 
zukommen. Es hat sich zu Zwecken der Hilfeleistung 
selbst mit Libido erfüllen müssen, wird dadurch selbst 
Vertreter des Eros und will nun leben und geliebt 
werden. 

Da aber seine Sublimierungsarbeit eine Triebent- 
mischung und Freiwerden der Aggressionstriebe im 
Über-Ich zur Folge hat, liefert es sich durch seinen 
Kampf gegen die Libido der Gefahr der Mißhandlung 
und des Todes aus. Wenn das Ich unter der Agres- 
sion des Über-Ichs leidet oder selbst erliegt, so ist 
sein Schicksal ein Gegenstück zu dem der Protisten, 
die an den Zersetzungsprodukten zu Grunde gehen, 
die sie selbst geschaffen haben. Als solches Zersetzungs- 
produkt im ökonomischen Sinne erscheint uns die im 
Über-Ich wirkende Moral. 

Unter den Abhängigkeiten des Ichs ist wohl die 
vom Über-Ich die interessanteste. 



_. 



V. Die Abhängigkeiten des Ichs 75 



Das Ich ist ja die eigentliche Angststätte. Von den 
dreierlei Gefahren bedroht, entwickelt das Ich den 
Fluchtreflex, indem es seine eigene Besetzung von der 
bedrohlichen Wahrnehmung oder dem ebenso einge- 
schätzten Vorgang im Es zurückzieht und als Angst 
ausgibt. Diese primitive Reaktion wird später durch 
Aufführung von Schutzbesetzungen abgelöst (Mechanis- 
mus der Phobien). Was das Ich von der äußeren und 
von der Libidogefahr im Es befürchtet, läßt sich nicht 
angeben ; wir wissen, es ist Überwältigung oder Ver- 
nichtung, aber es ist analytisch nicht zu fassen. Das 
Ich folgt einfach der Warnung des Lustprinzips. Hin- 
gegen läßt sich sagen, was sich hinter der Angst des 
Ichs vor dem Über-Ich, der Gewissensangst, verbirgt. 
Vom höheren Wesen, welches zum Ichideal wurde, 
drohte einst die Kastration und diese Kastrationsangst 
ist wahrscheinlich der Kern, um den sich die spätere 
Gewissensangst ablagert, sie ist es, die sich als Ge- 
wissensangst fortsetzt. 

Der volltönende Satz: jede Angst sei eigentlich 
Todesangst, schließt kaum einen Sinn ein, ist jeden- 
falls nicht zu rechtfertigen. Es scheint mir vielmehr 
durchaus richtig, die Todesangst von der Objekt- 
(Real-)Angst und von der neurotischen Libidoangst zu 
sondern. Sie gibt der Psychoanalyse ein schweres 
Problem auf, denn Tod ist ein abstrakter Begriff von 
negativem Inhalt, für den eine unbewußte Entsprechung 
nicht zu finden ist. Der Mechanismus der Todesangst 



76 Das Ich und das Es 

könnte nur sein, daß das Ich seine narzißtische Libido- 
besetzung in reichlichem Ausmaß entläßt, also sich 
selbst aufgibt, wie sonst im Angstfalle ein anderes 
Objekt. Ich meine, daß die Todesangst sich zwischen 
Ich und Über-Ich abspielt. 

Wir kennen das Auftreten von Todesangst unter 
zwei Bedingungen, die übrigens denen der sonstigen 
Angstentwicklung durchaus analog sind, als Reaktion 
auf eine äußere Gefahr und als inneren Vorgang, z. B. 
bei Melancholie. Der neurotische Fall mag uns wieder 
einmal zum Verständnis des realen verhelfen. 

Die Todesangst der Melancholie läßt nur die eine 
Erklärung zu, daß das Ich sich aufgibt, weil es sich 
vom Über-Ich gehaßt und verfolgt anstatt geliebt fühlt. 
Leben ist also für das Ich gleichbedeutend mit Ge- 
liebtwerden, vom Über-Ich geliebt werden, das auch 
hier als Vertreter des Es auftritt. Das Über-Ich ver- 
tritt dieselbe schützende und rettende Funktion wie 
früher der Vater, später die Vorsehung oder das Schick- 
sal. Denselben Schluß muß das Ich aber auch ziehen, 
wenn es sich in einer übergroßen realen Gefahr be- 
findet, die es aus eigenen Kräften nicht glaubt über- 
winden zu können. Es sieht sich von allen schützenden 
Mächten verlassen und läßt sich sterben. Es ist übrigens 
immer noch dieselbe Situation, die dem ersten großen 
Angstzustand der Geburt und der infantilen Sehnsucht- 
Angst zu Grunde lag, die der Trennung von der 
schützenden Mutter. 



f 



V. Die Abhängigkeiten des Ichs TJ 

Auf Grund dieser Darlegungen kann also die Todes- 
angst wie die Gewissensangst als Verarbeitung der 
Kastrationsangst aufgefaßt werden. Bei der großen Be- 
deutung des Schuldgefühls für die Neurosen ist es auch 
nicht von der Hand zu weisen, daß die gemeine neu- 
rotische Angst in schweren Fällen eine Verstärkung 
durch die Angstentwicklung zwischen Ich und Über-Ich 
(Kastrations-, Gewissens-, Todesangst) erfährt. 

Das Es, zu dem wir am Ende zurückführen, hat 
keine Mittel, dem Ich Liebe oder Haß zu bezeugen. 
Es kann nicht sagen, was es will; es hat keinen ein- 
heitlichen Willen zu Stande gebracht. Eros und Todes- 
trieb kämpfen in ihm ; wir haben gehört, mit welchen 
Mitteln sich die einen Triebe gegen die anderen zur 
Wehre setzen. Wir könnten es so darstellen, als ob 
das Es unter der Herrschaft der stummen, aber mäch- 
tigen Todestriebe stünde, die Ruhe haben und den 
Störenfried Eros nach den Winken des Lustprinzips zur 
Ruhe bringen wollen, aber wir besorgen, doch dabei 
die Rolle des Eros zu unterschätzen. 






WERKE VON PROF. S I G M. FREUD 

Vorlesungen zur Einführung- in die Psychoanalyse. (Fehlleistungen, 
Traum, Allgemeine Neurosenlehre.) Drei Teile in einem Band. 
Großoktavausgabe, 4. Auflage (5.-11. Tausend) 1922. 
Taschenausgabe, 2. Auflage (3. — 7. Tausend) 1923. 

Die Traumdeutung. 7. Auflage, mit Beiträgen von Dr. Otto Rank. 1922. 

Ober den Traum. 3. Auflage. München 1921. 

Zur Psychopathologie des Alltagslebens. Über Vergessen, Ver- 
sprechen, Vergreifen, Aberglaube und Irrtum. 9. Auflage. 1923. 

Totem und Tabu. Über einige Übereinstimmungen im Seelenleben der 
Wilden und der Neurotiker. 3. Auflage. 1922. 

Der Witz und seine Beziehung zum Unbewußten. 3. Auflage. 
Leipzig und Wien 1921. 

Über Psychoanalyse. Fünf Vorlesungen, gehalten zur 20jähr. Gründungs- 
feier der Clark University in Worcester, Mass. 6. Auflage. 1922. 

Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie. 5. Auflage. 1922. 

Sammlung kleiner Schriften zur Neurosenlehre. Erste Folge. 
4. Auflage. 1922. — Zweite Folge. 3. Auflage. 1921. — Dritte Folge. 
2. Auflage. 1921. — Vierte Folge. 2. Auflage. 1922. — Fünfte Folge. 1922. 
(Inhalt der 5 Bände s. umseitig.) 

Studien über Hysterie (mit Dr. Josef Breuer). 3. Auflage. 1922, 

Der Wahn und die Träume in W. Jensens „Gradiva". (Schriften 
zur angewandten Seelenkunde, 1. Heft.) 2. Auflage. 1912. 

Eine Kindheitserinnerung des Leonardo da Vinci. (Schriften zur 
angewandten Seelenkunde, 7. Heft.) 3. Auflage. 1923. 

Jenseits des Lustprinzips. 3. Auflage (5. — 9. Tausend) 1923. 

Massenpsychologie und Ich-Analyse. 2. Aufl. (6. — 10. Tausend) 1923. 

Das Ich und das Es. 1923. 



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ANALYTISCHEN VERLAG, Wien, VII. Andreasgasse 3 



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SAMMLUNG KLEINER SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEHRE 
Von Prof. SIGM. FREUD 

Erste Folge. 4. Auflage 1922. — Inhalt: Charcot. — Über den psychischen 
Mechanismus hysterischer Phänomene (mit Dr. J. Breuer). — Quelques conaiderations pour 
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komplex als „Angstneurose" abzutrennen. — Obscssions et phobies. Leur micnnisme psychique 
et leur Ätiologie. — Zur Kritik der »Angstneurose". — Weitere Bemerkungen über die Abwehr- 
Neuropsychoscn. — L'hereMite et l'ctiologie des nevroses. — Zur Ätiologie der Hysterie. — Die 
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Tatbestandsdiagnostik und Psychoanalyse. - Zwangshandlungen und Religionsübung. - Charakter 
und Analerotik. — Hysterische Phantasien und ihre Beziehung zur Bisexualität. — Ober den 
hysterischen Anfall. - Zur sexuellen Aufklärung der Kinder. - Ober infantile Sexualtheorien. 

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Knaben. — Über einen Fall von Zwangsneurose. — Psychoanalytische Bemerkungen über cinea 
autobiographisch beschriebenen Fall von Paranoia. — Formulierungen über die zwei Prinzipien 
des psychischen Geschehens. — Ober den Gegensinn der Urworte. — Die künftigen Chancen 
der psychoanalytischen Therapie.— Ober „wilde" Psychoanalyse — Ober neurotische Erkrankungs- 
typen. Die psychogene Sehstörung in psychoanalytischer Auffassung. 

Vierte Folge. 2. Auflage 1922. - Inhalt: Zur Geschichte der psychoanalytischen 
Bewegung — Zur Einführung des Narzißmus. — Die Disposition zur Zwangsneurose. - Mit- 
teilung eines der psychoanalytischen Theorie widersprechenden Falles von Paranoia. — Ober 
Triebumsetzungen, insbesondere der Analcrotik. - Über fausse reconnaissance (dejä raconte") 
während der psychoanalytischen Arbeit- Einige Bemerkungen über den Begriff des Unbewußten 
in der Psychoanalyse. - Märchenstoffe in Träumen. - Ein Traum als Beweismittel. - Aus dem 
infantilen Seelenleben. - Zwei Kinderlügen. - Mythologische Parallele zu einer plastischen 
Zwangsvorstellung. - Eine Beziehung zwischen einem Symbol und einem Symptom. - Beiträge 
zur Psychologie des Liebcslebcns (Über einen besonderen Typus der Objektwahl beim Manne. 
- Über die allgemeine Erniedrigung des Liebeslebens. - Das Tabu der Virginität.) - Triebe 
und Triebschicksale - Die Verdrängung - Das Unbewußte. - Metapsychologische Ergänzung 
zur Traumlehre - Trauer und Melancholie. - Zur Technik der Psychoanalyse. (Die Handhabung 
der Traumdeutung in der Psychoanulyse. - Zur Dynamik der Übertragung. - Ratschläge für 
den Arzt bei der psychoanalytischen Behandlung. - Zur Einleitung der Behandlung. - Die Frage 
der ersten M.tte.lungen. - Die Dynamik der Heilung. - Erinnern, Wiederholen und Durch- 
arbe.ten. - Bemerkungen über die Übertragungsliebe.) - Das Motiv der Kästchenwahl. - Zeit- 
gemäßes über Krieg und Tod. - Einige Charaktertypen aus der psychoanalytischen Arbeit- Eine 
Schw.engke.t der Psychoanalyse. - Eine Kindheitserinnerung aus „Dichtung und Wahrheit - 

Fünfte Folge. 1922. - Inhalt: Aus der Geschichte einer infantilen Neurose. — 
Zur Vorgeschichte der analytischen Technik. - Wege der psychoanalytisd.cn Therapie. - Ober 
die Psychogencse eines Falles von weiblicher Homosexualität — „Ein Kind wird geschlagen " 

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ANALYTISCHEN VERLAG, Wien, VII. Andreasgassc 3 









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